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12. Februar 2015: Einen schnelleren und besseren Zugang zu medizinischer Versorgung sollen Frauen nach einer Vergewaltigung in Offenbach erhalten. Zu diesem Zweck startet die Stadt Offenbach am Main das neue Programm „Medizinische Soforthilfe nach Vergewaltigung“ in enger Zusammenarbeit mit dem Ortsverband von pro familia, dem Sana Klinikum, dem Ketteler Krankenhaus sowie dem Verein Frauennotruf Frankfurt.

Ziel des Programms ist es, die medizinische Versorgung von Gewaltopfern zu verbessern und – auf Wunsch – gerichtsmedizinisch verwertbare Befunde zu sichern. Außerdem soll der Zugang zu nachfolgenden ambulanten medizinischen und psychosozialen Beratungsangeboten erleichtert werden. Mit dem Sana Klinikum Offenbach, dem Ketteler Krankenhaus sowie pro familia hat der Magistrat der Stadt Offenbach hierzu eine Kooperationsvereinbarung abgeschlossen. Grundlage ist ein Beschluss der Stadtverordnetenversammlung vom 11. Dezember 2014.

Wie notwendig das neue Angebot ist, verdeutlicht ein Blick in die Statistik: So werden laut Polizei pro Jahr rund 8000 Vergewaltigungen angezeigt (1). Diese Zahl umfasst jedoch nur fünf Prozent der tatsächlich erfolgten Vergewaltigungen (2). Unter den 8000 angezeigten Fällen kommt es nur zu rund 1000 Verurteilungen. Die Täter sind zu 99 Prozent männlich und auch 97 Prozent der Fälle von sexueller Belästigung gehen von männlichen Personen aus(3).

Für die Stadt Offenbach verzeichnet die Polizei jährlich rund 20 Anzeigen wegen Vergewaltigungen. Von einer sehr hohen Dunkelziffer ist auszugehen. Da die meisten Taten nicht angezeigt werden, bleiben die Täter oft straffrei. Meist sind die Opfer unmittelbar nach der Tat nicht in der Lage oder willens, eine Entscheidung für oder gegen eine Anzeige zu treffen. „Besonders schwerwiegend wirkt es sich aus, dass sich die gewaltbetroffenen Frauen deshalb auch häufig nicht medizinisch versorgen lassen“, schätzt die Kommunale Frauenbeauftragte, Karin Dörr, die Situation ein.

Oberbürgermeister Horst Schneider: „Diese Frauen sollen Zugang zur bestmöglichen medizinischen Versorgung haben – unabhängig von einer Anzeige. Betroffene können sich nun an die beiden Kliniken in Offenbach wenden und werden dort umfassend versorgt. Auf Wunsch könnten dort auch Spuren gesichert werden, die im Fall einer nachträglichen Anzeige berücksichtigt werden können.“

Die Initiative für das Programm kam von Dr. Peter M. Baier. Der Chefarzt der Frauenklinik am Ketteler Krankenhaus kannte das Angebot bereits aus Frankfurt und wandte sich 2013 an den Verein Frauennotruf und die Stadt Offenbach mit der Intention, in Offenbach ebenfalls eine umfassende Betreuung für Vergewaltigungsopfer zu schaffen. Die Kommunale Frauenbeauftragte Karin Dörr brachte daraufhin alle für den Verbund erforderlichen Akteure zusammen. „Dankenswerterweise bekam die Stadt Offenbach die Nutzungsrechte für das bundesweit viel beachtete Konzept ,Medizinische Soforthilfe nach Vergewaltigung‘ , das die Beratungsstelle Frauennotruf Frankfurt entwickelt hat, vertraglich zugesichert“, so Karin Dörr.

Als großen Fortschritt bezeichnet Prof. Dr. Christian Jackisch, Chefarzt der Frauenklinik am Sana Klinikum, das neue Angebot: „Das Programm ist als neue standardisierte Versorgungsleistung ein großer Fortschritt für von sexualisierter Gewalt Betroffene. Auf diese Weise senken wir die Hürden, sich versorgen zu lassen und sich Hilfe und Unterstützung bei der Verarbeitung des Erlebten zu holen.“

Für den Offenbacher Ortsverband von pro familia war eine Beteiligung von Anfang an selbstverständlich: „Pro familia ist vielen Offenbacherinnen schon lange als Fachberatungsstelle speziell auch bei sexualisierter Gewalt bekannt“, betont Bettina Witte de Galbassini. „Deshalb freuen auch wir uns sehr, dass es jetzt unabhängig von einer Anzeige bei der Polizei eine gute medizinische Versorgung in Offenbach gibt.“

Pro familia ist für alle organisatorischen Fragen des Projektes in Offenbach zuständig und wird das Angebot über das Internet und in weiteren Publikationen bekannt machen – sowohl in der Öffentlichkeit als auch bei den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten. Darüber hinaus schult die Einrichtung Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Kliniken hinsichtlich des Konzeptes, sorgt dafür, dass Untersuchungskits vorhanden sind, und organisiert den Transport der Befunde zur Rechtsmedizin Frankfurt. Auch die Beratung der Betroffenen hat pro famila übernommen. Der Ortsverband steht Frauen außerdem für die Aufarbeitung des Erlebten zur Verfügung.

Unter www.soforthilfe-nach-vergewaltigung.de  finden Interessierte sowie Hilfesuchende Informationen über das Programm. Die Angaben über die Anlaufstellen in Offenbach werden in Kürze dort integriert sein. Diese sind derzeit auf www.profamilia.de  (Bundesland Hessen, Beratungsstelle in Offenbach) in einer Kurzfassung zu finden.


Hinweis:


Am Dienstag, 24. März, 16 Uhr, findet eine erste kostenlose Informationsveranstaltung zum Programm „Medizinische Soforthilfe nach Vergewaltigung in Offenbach“ in den Räumen der pro familia statt, um eine formlose Anmeldung dort wird gebeten.

Fußnoten:

1
Für das Jahr 2012 kommt die Polizeiliche Kriminalstatistik auf 8031 Fälle nach § 177 Vergewaltigung und sexuelle Nötigung
2 aus: Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland. Eine repräsentative Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland“ des BMFSFJ, 2004
3 ebenda