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Von Hibbdebach nach Dribbdebach / 300 Jahre Brückenschläge über die Maingrenze

Offenbach am Main, 13.07.2016 – Im Wassertaxi von Offenbach nach Frankfurt. Immer wieder taucht die Idee vom regelmäßigen öffentlichen Bootsverkehr zwischen beiden Städten auf, ohne jemals zum ernsthaften Projekt zu gedeihen. Eine Woche lang passierten zwei Boote im vergangenen Jahr die nasse Maingrenze. Was als Programmpunkt den Architektursommer Rhein-Main bereicherte, war einst Wegbereiter für einen freien Austausch von Mensch und Ware. Genau 300 Jahre ist es her: 1716 wagt die Offenbacher Fischerzunft die Einrichtung einer täglichen Verkehrsverbindung auf der Wasserstraße.

Zehn Jahre danach wird aus dem genossenschaftlichen Betrieb ein Privatunternehmen. Der Schiffer Carl Anton Gros bringt 40 Gulden für den Kauf des Hanauer Marktschiffes auf und erlangt von dem in Offenbach regierenden Grafen Wolfgang Ernst die Konzession für einen täglichen Schiffsverkehr in die Nachbarstadt. Frankfurt freilich hat er damit verärgert. Es kommt zum Streit, die Fahrten müssen eingestellt werden. Erst 1738 kann das Schiff wieder Passagiere und Lasten befördern.

Die Freie Reichsstadt Frankfurt genoss das Privileg, am Untermain über die einzige feste Brücke zu verfügen. Dort ließ sich Zoll erheben. Dieser Zustand änderte sich erst, als Offenbach 1816 an das Großherzogtum Hessen-Darmstadt gefallen war. Den Hessen lag an einer Frankfurt umgehenden Verbindung zu ihrer nordmainischen Provinz Oberhessen. Von 1819 an führte daher eine Pontonbrücke von der Offenbacher Schlossstraße über den Fluss. 

Offenbach brachte sie Verkehr und wirtschaftlichen Nutzen, aber eine verlässliche Verbindung war sie nicht. Bei Hochwasser und Eisgang musste sie abgebaut, bei Längsverkehr auf dem Fluss geöffnet werden. Erforderlich war das häufig. Goethe etwa nahm ja vom Offenbacher Ufer aus „oft schon früh eine tätige Schifffahrt von Flößen und gelenkten Marktschiffen und Kähnen“ wahr. Die Störungen ließen den Ruf nach einer festen Brücke immer lauter werden. Und der Ruf fand Gehör.

Am 1. Oktober 1887 wird die Einweihung einer Brücke in Verlängerung der Kaiserstraße gefeiert. Offenbach ist eine aufblühende Industriestadt geworden. Auf dem Nordufer ist alles preußisch geworden, aber Hessen und Preußen leben nun in einem einheitlichen Kaiserreich. Zum Feiern kommen aus Darmstadt der hessische Großherzog Ernst Ludwig und aus Preußen der Landrat Wilhelm von Bismarck in die Stadt. Dem Herrn von Bismarck fällt dabei der Trinkspruch ein: „Früher trennte uns der Main. Wenn uns jetzt noch etwas trennt, trinken wir es aus.“

Viele Offenbacher allerdings freuen sich gar nicht. Sie protestieren gegen den Standort, so weit entfernt von der Innenstadt. Zum Trost erhalten sie als Ersatz für die abgebaute Pontonbrücke eine Fährverbindung vom Schloss zum Fechenheimer Ufer. Sie quert den Fluss von nun an bis in die 1950er Jahre. 1907 meldet sie den zweimillionsten Fahrgast, danach hat wohl keiner mehr gezählt.

Kostenlos ist das Überqueren auf der neuen Brücke zunächst nicht. 23 Pfennig kostet ein leeres Fuhrwerk mit einem Pferd. Bei zwei Pferden sind 34 Pfennig zu entrichten. Das erhöht sich noch nach dem Gewicht der Ladung. Später kostenfrei geworden, tut die Brücke ihren Dienst bis zum 25. März 1945. In den Morgenstunden sprengen deutsche Pioniere das Bauwerk in die Luft, um den Vormarsch der von Süden herandrängenden Amerikaner zu bremsen. Danach, bis in den Sommer 1947, können ihre Trümmer nur über einen hölzernen Fußgänger-Steg begangen werden. Erst dann ist wieder eingeschränkter Fahrverkehr möglich.

Der nächste Geburtstag dieser Brücke ist der 22. Mai 1953. Nachdem die Mängel des Wiederaufbaus von 1947 behoben sind, trifft sich Offenbacher und Frankfurter Stadtprominenz abermals zu einer Einweihung. Dabei erhält das Bauwerk den Namen Carl-Ulrich-Brücke, zu Ehren des in Offenbach beigesetzten hessischen Staatspräsidenten der 1920er Jahre. Gefeiert wird im Saal der benachbarten Offenbacher Messe. Auch das ist ein Neubau.

Nun vergehen nur noch elf Jahre bis zum nächsten Brückenfest. Am 12. Dezember 1964 übergibt Bundesverkehrsminister Christoph Seebohm die neue Kaiserleibrücke ihrer Bestimmung. Mit ihr überbrückt die neue Autobahn 661 den Fluss. Seebohm schwärmt, dass die Form dieser Brücke sich harmonisch den umgebenden Industriezonen anpasse: „Sie zeigt den Geist des freien Unternehmertums.“

Mit sehr viel weniger Prominenz wird 1982 ein weiterer Flussübergang freigegeben, der Arthur-von-Weinberg-Steg zwischen Fechenheim und Bürgel. Seine Entstehung erinnert an Offenbachs Zeit als Chemiestandort. In Offenbach wie in Fechenheim produzierten Betriebe der Farbwerke Hoechst AG. Zwischen beiden wurde eine Mainüberquerung von Röhrenleitungen benötigt. Für die Landschaft erträglich wurde sie durch die Einbettung in einen Fußgängersteg. Mit seinem Namen wahrt er das Andenken an den 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt verstorbenen Industriellen Weinberg, einen Wissenschaftler und bedeutenden Mäzen. Über das Fechenheimer Werk Cassella war er mit dem einstigen Konzern IG Farben verbunden.

Dieser Steg wird wohl nicht die letzte für Offenbach interessante Mainüberquerung bleiben. Über einen Steg für Fußgänger und Radfahrer von der Innenstadt in den Fechenheimer Bogen wird seit geraumer Zeit diskutiert. Womöglich an einer historischen Querung positioniert – am Isenburger Schloss. Der Fluss, der lange Zeit eine Staatsgrenze war, hat sich zu einem verbindenden Glied zwischen Frankfurt und Offenbach entwickelt.

Lothar R. Braun

Bildinformation:

Mainbrücke bei Offenbach um 1894
Foto: Stadtarchiv Offenbach