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Offenbach am Main, 30.06.2016 – Im Frühjahr 2015 wurde das Angebot der medizinischen Soforthilfe nach einer Vergewaltigung mit einer Informationsveranstaltung gestartet. Es bietet Frauen Hilfe auch ohne vorherige polizeiliche Anzeige an. Nach rund eineinhalb Jahren ziehen Oberbürgermeister Horst Schneider, die Kommunale Frauenbeauftragte Karin Dörr und Bettina Witte de Galbassini, Ärztin und Beraterin des pro familia Ortsverbands Offenbach Bilanz und berichten über die Erfahrungen mit dem Angebot. „Maßgeblich für die Umsetzung ist das Engagement aller beteiligten Organisationen. Besonders den beiden Kliniken und der pro familia gilt mein Dank“, erklärt Oberbürgermeister Horst Schneider.

Die medizinische Akutversorgung nach einer Vergewaltigung übernehmen das Sana Klinikum und das Ketteler Krankenhaus. „Zusätzlich zur medizinischen Soforthilfe bieten wir die Möglichkeit einer vertraulichen Spurensicherung – nur auf Wunsch der Betroffenen. Dafür stellen wir als Klinik unsere zeitlichen Ressourcen zur Verfügung, obwohl dafür keine Kostenerstattung erfolgt. Wir schließen die anderenfalls bestehende Versorgungslücke aus humanitärer Überzeugung heraus und aus fachlichen Gründen, weil wir wissen, wie wichtig diese Soforthilfe im Hinblick auf die Verarbeitung dieses extrem traumatischen Erlebnisses ist“, erklärt Prof. Christian Jackisch, Chefarzt der Frauenklinik. Dem Sana Klinikum steht ein speziell zusammengestelltes Untersuchungs- und Befundungsset zur Verfügung, dessen Anwendung Dr. Silvia Khodaverdi bei der Bilanzpressekonferenz demonstrierte. Außerdem unterstützte das Sana Klinikum die Plakatkampagne der Stadt Offenbach unter dem Motto: „Jede Vergewaltigung ist ein medizinischer Notfall“ in den Offenbacher Linienbussen mit 2000 Euro.

„Für diese verschiedenen medizinischen und sonstigen Versorgungsleistungen steht auch die Frauenklinik des Ketteler Krankenhaus bereit. Ein standardisierter Befundbogen und ein entsprechendes Untersuchungsset sowie darauf abgestimmte Fortbildungen der pro familia und des Frankfurter Frauennotrufs werden uns in dem Programm zur Verfügung gestellt“, ergänzt Dr. Peter Baier, Chefarzt der Frauenklinik am Ketteler Krankenhaus.

Die kommunale Frauenbeauftragte Karin Dörr ist dankbar für die unbürokratische Kooperation: „Die medizinischen Untersuchungs- und Befundungs-Sets für das Projekt werden kostenlos vom Polizeipräsidium Südosthessen an die Kliniken verteilt. Das Rechtsmedizinische Institut der Uni Frankfurt lagert die Befunde anonymisiert und kostenlos bis zu 12 Monate lang. Bei einer nachträglichen Anzeigenerstattung durch die Betroffenen stehen den Ermittlungsbehörden so belastbare Befunde zur Verfügung. Entschließt sich die Frau nicht zu einer Anzeige, werden die Materialien nach einem Jahr vernichtet.“

„Viele Betroffene lassen sich nach einer sexualisierten Gewalterfahrung nicht einmal medizinisch versorgen, weil sie eine Anzeigenerstattung durch Dritte über ihren Kopf hinweg fürchten“, weiß Bettina Witte de Galbassini von pro familia aus Erfahrung. „Wir beraten die von sexualisierter Gewalt Betroffenen vor oder nach der medizinischen Soforthilfe auf Wunsch und unterstützen sie bei der psychischen Verarbeitung des Erlebten. Eine polizeiliche Anzeige wird von vergewaltigten Mädchen oder Frauen häufig vorerst abgelehnt: aus Scham und weil sie sich nicht vorstellen können, mit der psychischen Belastung einer Anzeige und eines Prozesses umgehen zu können.“

Dies war für den Kooperationsverbund der ausschlaggebende Grund, die Versorgung von vergewaltigten Frauen und auch Männern kommunal zu verbessern. Um dies bekannt zu machen und zu ermutigen, sich medizinisch versorgen zu lassen, ist die Öffentlichkeitsarbeit für dieses Angebot von zentraler Bedeutung.

Karin Dörr gibt einen Überblick über die Fallzahlen: Im Jahr 2014 nutzten fünf Frauen die medizinische Soforthilfe nach Vergewaltigung mit anonymer Befundsicherung in den beiden Offenbacher Kliniken – die Beweise wurden Frankfurt eingelagert.

In 2015 war dies vier Mal der Fall, außerdem haben sich zwei Frauen medizinisch versorgen lassen ohne Sicherung von Beweisen. Von Januar bis Juni 2016 sind bereits sieben Untersuchungen mit vertraulicher Spurensicherung erfolgt.

Die genannten 18 Fälle von medizinischer Soforthilfe ohne vorherige polizeiliche Anzeige im Zeitraum 2014 bis Juni 2016 sind durch eine Dokumentation in den Kliniken und eine weitere Dokumentation der Transporte bei pro familia Offenbach ermittelt worden.

Weitere Angaben liegen aus der Statistik des Polizeipräsidiums Südosthessen (PPSOH) für das Stadtgebiet Offenbach vor: bezogen auf das Jahr 2014 sind 28 Anzeigen wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung nach § 177 Strafgesetzbuch dokumentiert. Im Jahr 2015 wurden dort 18 Vergewaltigungen und sexuelle Nötigungen angezeigt.

Die Kommunale Frauenbeauftragte und pro familia führen Informationsveranstaltungen, Kampagnen und weitere öffentlichkeitswirksame Aktionen sowie die Projektdokumentation und Projektberichterstattung in enger Zusammenarbeit durch. Dörr verweist auf die Probleme von Frauen eine Verurteilung der Täter zu erreichen: „Nach geltendem Recht ist in Deutschland die Verurteilung einer Vergewaltigung von der beweisbaren Gegenwehr des Opfers abhängig oder davon, dass das Opfer sich in einer besonders schutzlosen Lage befunden hat. Die Kritik, dass ein „Nein“ bisher nicht ausreicht, um eine Vergewaltigung strafrechtlich zu ahnden, wird von den Fachberatungsstellen, von Juristinnen, vielen Politikerinnen und von den Frauenbeauftragten vehement geäußert. Muss es uns also allen Ernstes erstaunen, wenn Vergewaltigungen so selten zur Anzeige gebracht werden?“

Besonders wichtig ist es deshalb, auf das Offenbacher Versorgungs- und Unterstützungsangebot öffentlichkeitswirksam und passgenau aufmerksam zu machen: Mit einem Flyer werden Betroffene und ihr Umfeld ausführlich über das Angebot informiert. Mit einer professionellen Plakatkampagne in Bussen der Offenbacher Verkehrsbetriebe erfolgt eine niedrigschwellige Ansprache, die besonders auf Mädchen und Frauen ausgerichtet ist, mit der Botschaft „Kein Grund sich zu schämen, sondern sich helfen zu lassen“.

Die Stadt Offenbach sowie das Land Hessen (Kommunalisierte Mittel für Soziale Hilfen in Hessen) stellen die Grundfinanzierung des Hilfsangebotes und der Öffentlichkeitsarbeit sicher.

Der Dank der Stadt Offenbach gilt allen Unterstützerinnen und Unterstützern für ihren Beitrag zur Ermöglichung dieser freiwilligen Leistung. Eine ausführliche Darstellung ist in dem Faltblatt „Jede Vergewaltigung ist ein medizinischer Notfall. Im Krankenhaus erhalten Sie Hilfe. Vertraulich.“ enthalten. Informationen gibt es auch unter www.soforthilfe-nach-vergewaltigung.de im Internet. Das Faltblatt in Papierform kann angefordert werden unter der Rufnummer 069 8065-2010 – sowie unter offenbachprofamiliade oder unter frauenbuerooffenbachde per Email.

Teilnehmer des Pressegesprächs:

  • Prof. Dr. Christian Jackisch, Chefarzt der Frauenklinik am Sana Klinikum Offenbach und
  • Dr. med. Silvia Khodaverdi, Fachärztin für Gynäkologie  
  • Dr. Peter Baier, Chefarzt der Frauenklinik am Ketteler Krankenhaus Offenbach sowie
  • Bettina Witte de Galbassini, Ärztin und psychoanalytische Beraterin der pro familia Offenbach
  • Karin Dörr, Kommunale Frauenbeauftragte
  • Oberbürgermeister Horst Schneider als Dezernent für Frauen- und Gleichstellungspolitik

 

Weitere Informationen:

Videoclip zur Aufklärung: http://bit.ly/292Byvi

Internet: http://www.offenbach.de/leben-in-of/soziales-gesellschaft/frauen_und_maedchen/medizinische-soforthilfe-nach-vergewaltigung.php