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Offenbach am Main, 13.10.2016  - Arthur Seitz kam 1957 aus Oberfranken nach Offenbach, seit 16 Jahren kümmert er sich als Hausmeister um die Liegenschaft Hermann-Steinhäuser-Straße 15. Anja und Ralf Huesmann lebten einige Jahre in London, bevor sie 2011 mit ihren Kindern nach Offenbach kamen. Ösman Göverim, Enkelsohn türkischer Einwanderer und auch der 1984 in Offenbach geborene Marco Russo, Sohn eines Italieners und einer Deutschen: vier Portraits, stellvertretend für Menschen aus aller Welt, die in Offenbach eine Heimat gefunden haben, sind noch bis 27. November in Venedig zu sehen.

Wie geht Heimat? Wie sehen die Voraussetzungen dafür aus, dass Menschen ankommen können? Was können Stadplanung und Architektur zum Gelingen von Integration beitragen? „Making Heimat“ heißt der deutsche Beitrag der 15. Internationalen Architekturbiennale 2016 in den „Giardini“ in Venedig. Unter dem Motto „Reporting from the Front“ präsentieren die teilnehmenden Länder ihre Ideen, wie Integration gelingen kann. Peter Cachola Schmal, Direktor des Deutschen Architekturmuseums (DAM) und Generalkommissar des Deutschen Pavillons, hat gemeinsam mit Kurator Oliver Elser und Koordinatorin Anna Scheuermann auf der Grundlage der Thesen des kanadischen Journalisten Doug Saunders zur „Arrival City“ die Ausstellung „Making Heimat - Germany, Arrival Country“ entwickelt.

Drei Jahre lang hat Saunders in Berlin-Kreuzberg, im Londoner East End und den Banlieues von Paris, in den Favelas von Rio de Janeiro und den Barrios in Los Angeles recherchiert, über zwanzig Orte der Ankunft – Arrival Citys –, porträtiert er in seinem Buch. Städte müssten auf Migration vorbereitet sein, sagt Saunders und fordert Regierungen auf, massiv in den Übergang investieren. Drei Hauptfaktoren machen für ihn eine Arrival City aus: preiswerter Wohnraum, die Verfügbarkeit von Arbeit und/oder die Möglichkeit von Unternehmensgründungen. Damit Ankunft gelingen kann, bedürfe es eines freien Marktes mit gestreutem Privateigentum, Raum für Spontanität und wenigen Vorgaben.

Deutschland ist auf dem Weg zum Einwanderungsland, hat diesen aber im Vergleich zu den USA, Kanada oder Australien noch nicht beschritten und ist daher vorerst nur ein „Arrival Country“. Das symbolisiert in Venedig auch der nach allen Seiten geöffnete Pavillon, mit dem die Macher die Hoffnung verbinden, „dass das Land in seiner Offenheit gegenüber Hunderttausenden Schutz und Arbeit Suchenden zu einem neuen Selbstverständnis finden wird. Als Einwanderungsland, als offenes Land.“ (vgl. Ausstellungskatalog, S. 295).

Wir haben Peter Cachola Schmal (im Folgenden PCS), Direktor des Deutschen Architekturmuseums (DAM) und Generalkommissar des Deutschen Pavillons, zum Gespräch auf dem Wilhelmsplatz getroffen.

OF: Herr Schmal, “Offenbach is almost alright”. Menschen aus mehr als 150 Nationen haben in Offenbach eine Heimat gefunden, die Stadt zählt mit einer Ausländerquote von 30,2 Prozent zu den wichtigsten Arrival Cities in Deutschland. 48,0 Prozent beträgt der Zuwandereranteil alleine im „Ankunftsviertel Nordend“ – was macht Offenbach attraktiv für Ankommer?

PCS: Vieles von dem, was Doug Saunders sagt, existiert hier: Ethnische Netzwerke für die Neuankömmlinge, Flächen und wenig Bürokratie. Im Prinzip haben wir versucht zu zeigen, dass Offenbach eine Stadt ist, die einen schlechten Ruf hat, die aber eine sehr tapfere Integrationsleistung vollbringt , relativ leise und dabei pleite ist. Eines der größten Bestreben von Einwanderern ist eigentlich, sich selbstständig zu machen, die Familie mitarbeiten zu lassen. Und dann kommt die Eigentumsbildung. Ohne Einwanderer wäre die Innenstadt Offenbachs leer. Und wahrscheinlich, wenn man ganz genau hinschaut, wäre hier überhaupt kein Laden oder Restaurant mehr. Auch die Flüchtlinge am Kaiserlei fanden den Standort besser als ihre spätere Verteilung aufs Land. Hier trafen sie auf vertraute Strukturen.

OF: Viele haben sich später wohl noch an das Ankommen in Offenbach zurückgesehnt.

PCS: Unser Beitrag wollte eigentlich gar nicht über Flüchtlinge reden. Weil Flüchtlinge nicht das gleiche sind wie Einwanderer. Die Politik lässt diese Trennschärfen leider vermissen. Doug Saunders hat zu uns gesagt, ich verstehe Euch sowieso nicht: In Europa reden alle schlecht über die sogenannten Wirtschaftsflüchtlinge. Wir bevorzugen in Kanada die Economic Migrants, wir haben aber Probleme mit den Humanitarian Refugees, die ihr ja bevorzugt. Denn die humanitären Flüchtlinge kommen nicht, um zu bleiben. Die economic migrants wollen es schaffen und sie werden es schaffen. Und Sie können sicher sein, in wenigen Jahren sind diese Leute Steuerzahler. 

OF: Saunders sagt, dass Ankommen nicht überreguliert werden soll....

PCS: Ja, die Stadt sollte die gesetzlichen Möglichkeiten zur Selbständigkeit bieten. Vieles was Saunders sagt, was für Ankunftsstädte gilt, existiert hier, es hat aber nicht so viel mit der Stadt zu tun. Es ist weniger die Bürokratie, sondern Ergebnis der Eigendynamik menschlicher Beziehungen: es sind schon Menschen aus der Gegend aus der ich komme, da. Deswegen bin ich wahrscheinlich auch hierher gekommen, weil irgendwer irgendjemanden kennt.

Das Schicksal einen Ankunftsstadtviertels ist eben auch, dass die Leute nach einiger Zeit weiterziehen. Die Fluktuation im Nordend und in der Stadtmitte liegt laut Statistikamt bei 30 bis 40 Prozent im Jahr. Das heißt nach zwei oder drei Jahren hat sich theoretisch die gesamte Bevölkerung ausgetauscht. Manche ziehen nach einem Jahr weg und andere bleiben.

OF: Also ist Offenbach genaugenommen mehr Transit- als Ankunftsstadt?

PCS: Das Offenbach selbst nicht nur Durchgangsstation sein möchte ist verständlich. Die Stadt kann aber nicht steuern, was die Menschen wirklich machen. Momentan wird erfolgreich Mittelklasse aus Frankfurt angesiedelt. Die ziehen höchst wahrscheinlich nicht in zwei Jahren weg und bringen natürlich Einkommensteuer nach Offenbach. Diese Zuzügler werden die Stadt auch gentrifizieren und das ist hier positiv zu bewerten. Auch wenn es nicht allen gefällt: Das Niveau einer Stadt lässt sich eben nicht festschreiben.

OF: Ein typisches Stadtphänomen?

PCS: Alle Versuche der Antigentrifizierung sind sinnlos und werden an der Sache nichts ändern. Es ist die Nähe zu Frankfurt, weshalb die Investoren kommen und Offenbach profitiert. Das hat Folgen: die Funktion der Ankunftsstadt entfällt. Es könnte sein, das es eine Art Wohnstadt für die Mittelklasse wird, was heißt, dass es sich stabilisiert. Es wird natürlich in zehn Jahren dann etwas langweiliger sein. Einerseits. Andererseits weniger kriminell.

OF: Also die Wahl zwischen Wohnstadt und Banlieue, sofern es diese überhaupt gibt?

PCS: Offenbach wird nicht die Banlieue Frankfurts, diese Angst ist Folklore. Die Neuen, die aus Frankfurt kommen sind nicht die typischen Ankunftstadtbewohner. Bei der Europäischen Zentralbank (EZB) sind es 4.000 Familien, wenn sie für 2.000 Kinder eine Schule, idealerweise am Kaiserlei bauen sollten, dann werden da auch Nicht-EZBler teilhaben dürfen. Es ist ja immer so: Gute Schulen machen Stadtplanung, Menschen ziehen bewusst in die Nähe einer bestimmten Schule. Aber die Städte wachsen künstlerisch sowieso zusammen, viele Mitglieder vom Ensemble Modern zum Beispiel wohnen in Offenbach. 

OF: Nicht erst seit dem Brexit wird von einem Mehrbedarf an Wohnungen für das Ballungsgebiet Rhein-Main alleine in Frankfurt für rund 120.000 Bewohner gesprochen, das entspricht in etwa einer Stadt wie Offenbach. Wo sollen die Menschen hin, wie kann das funktionieren?

PCS: Da muss die Region zusammenarbeiten. Die Lösung kann nur sein, neue Stadtviertel zu bauen.

OF: Also mehr Riedberg?

PCS: Eindeutig ja. Dann aber, wie in Amsterdam, gleich urban. Nicht Einfamilienhausteppiche, sondern vier-fünfgeschossig. Das was man um 1890 gemacht hat, als Neubauviertel wie im Nordend mit Altbebauung von vier-fünf Geschossen. Die Größe und Dichte und Maßstab traut man sich 120 Jahre später nicht mehr. Das ist doch absurd.

OF: Der Offenbacher Hafen als Positivbeispiel?

PCS: Ja. Genauso dicht muss Stadtentwicklung heute aussehen. In der Größenordnung und nicht wie beim Riedberg, der erst am Ende urban geworden ist. Und so müsste man jetzt an weitere neue Viertel drangehen. Dazu bedarf es Mut und Zusammenarbeit, weil diese Viertel dann vielleicht nicht mehr auf der Gemarkung von nur einer Stadt sind, sondern auf der Gemarkung von zwei Städten.

OF: Offenbach hat kaum noch Flächen beziehungsweise würde jede weitere Bebauung zu Lasten von Umwelt, Ausgleichs und Erholungsflächen gehen. Wo sollen die Leute hin?

PCS: Es kann alles noch viel dichter werden.

OF: Geht so etwas nicht irgendwann zu Lasten der Lebensqualität?

PCS: Da sind wir noch lange nicht. Ich glaube die Umweltlebensqualität war 1930 in Offenbach schlechter als heute. Als die Gerbereien und Fabriken noch gearbeitet haben, war die Lebensqualität aus ökologischer Sicht viel härter als heute. In den USA gibt es inzwischen Bewegungen, emissionsarme Fabriken in die Innenstadt zu bringen. Wenn die Industrie zum Beispiel Software produziert oder etwas zusammenmontiert, könnte das genauso gut in der ersten Etage passieren. Das gibt es hier schon, weil die Innenstadt Offenbachs ein Gewerbegebiet ist in dem auch gewohnt werden darf. In anderen Städten muss man sich da mühselig über neue Klimmzüge hinbewegen. Die Politik erfindet gerade das „Urbane Gebiet“. Das ist eine Chance für Offenbach! Meine ehemalige Wohnung im Nordend ist heute ein Showroom für eine Fliesenfirma. Da wo ich früher gewohnt habe, arbeiten jetzt vier bis fünf Menschen. Früher hieß so etwas Wohnraumzweckentfremdung. Dabei ist es doch klug, wenn die Dinge sich mischen!

OF: Bei dem angespannten Wohnungsmarkt?

PCS: Dann muss man verdichten! Höher bauen, Dächer aufstocken. Baulich hat Offenbach große Vorteile, durch seine gigantischen Blocks. Die wurden 1880/1890 als Fabrikblocks geplant, mit anderen Maßen als in Frankfurt. In den Blöcken ist mehr Substanz und gewerbliches Leben. Es gibt hier noch sehr viele Flächen, die einer neuen Nutzung harren. Offenbach macht sogar stadtpolitische Fehler indem es das abreißt, was Frankfurt beispielsweise nicht hat, zum Beispiel ehemalige Fabriken. Ich weiß nicht, wie viele Altfabriken seit den 60er Jahren schon entfernt worden sind – es muss eine Menge sein, wenn man die alten Fotos, Stiche und Zeichnungen ansieht. Damals das ganze Nordend eine Fabrik.

OF: Wäre es vorstellbar dass wir in 20 bis 30 Jahren mal in einer Megacity ähnlich Bangkok oder Sao Paolo leben?

PCS: Nein. Wir schaffen wahrscheinlich nie die Millionengrenze in Frankfurt, außer wenn wir mit Nachbarn fusionieren. Dann wären wir eine echte Metropole. Aber zu einer Megacity mit 10 Millionen wird es nie kommen, das schafft nicht mal Berlin, das heute noch nicht seine Vorkriegsgröße erreicht hat.

OF: Zurück zur Entwicklung Offenbachs: Was halten Sie von dem angestoßenen Masterplan-Prozess, der unter anderem die Entwicklung des Kaiserlei-Gebietes und des Alessa-Geländes vorsieht?

PCS: Der Masterplan von AS&P scheint vernünftig zu sein und bisher läuft die Stadtplanung sehr gut. Mir gefällt, was ich bisher mitbekomme. Die Hochschule für Gestaltung im Hafen wird wichtige Impulse setzen, aber der jetzige Standort hat auch Vorteile für die Studenten, die hier überallhin ausschwärmen. Der Austausch mit Studenten ist für die Stadt wichtig. Wenn man eine Stadt mit Zukunft sein, will muss man eine Uni haben, weil die Studenten entgegen der Vorurteile doch keine mobilen Menschen sind. Studenten sind echte Gründer, weshalb alle kleineren und mittleren Städte mit Unis ziemlich gute Chancen haben, als wachsende Städte in die Zukunft zu gehen und nicht als schrumpfende. Offenbach hat potentiell demographisch gesehen echte Vorteile.

OF: Offenbach ist durchaus eine junge Stadt, nicht nur Studenten, auch Familien entdecken sie zunehmend für sich.

PCS: Das stimmt. Menschen, die vor sieben Jahren noch herumdrucksten, fällt es heute leichter, zuzugeben, dass sie in Offenbach wohnen. Vor fünf Jahren ging es immer um Katastrophen, Verschuldung, Kriminalität. Inzwischen gibt es einige neue, positive Aspekte. Das war unser eigentliches Ziel, Offenbach einmal anders zu platzieren. Wir sind damit ja nicht die Einzigen: Die hfg, OflovesU,.... auf verschiedenen Ebenen wird der Ruf der Stadt neu definiert. Das dauert noch zehn Jahre, bis es sich durchsetzt. Wir sind vor 15 Jahren nur wegen dem Wochenmarkt in die Stadt gekommen und haben dann die ganzen anderen Läden entdeckt. Die Käsefabrik L´Abate, den griechischen Fischladen und den Metzger Angelo. Das ist der beste Metzger weit und breit, nicht nur in Offenbach, sondern auch in Frankfurt. Dann war auch die Idee, nach Offenbach zu ziehen, irgendwann kein Problem mehr. Ich glaube, das Offenbach sehr optimistisch sein kann.

OF: Am 3. März kommt die Ausstellung nach Frankfurt, werden Sie etwas verändern?

PCS: In Venedig kannten die meisten Offenbach nicht. Also mussten wir erstmal die Stadt vorstellen, das wird natürlich jetzt weiter gefasst. Und wir werden das Flüchtlingwohnen-Thema aktualisieren, einige Bauten besuchen und schauen, was aus den ersten Ansätzen geworden ist. Es werden ja teilweise gigantische Einheiten gebaut, die keine Zukunft haben. Doug Saunders Thesen werden aber genauso übernommen, denn sie sind hieb- und stichfest. Aber Deutschland wird im März 2017 sicher anders sein als jetzt.

OF: Herr Cachola Schmal, wir danken Ihnen für das Gespräch.


Das Gespräch führte Andrea Ehrig, Onlineredakteurin der Stadt Offenbach.

 

Bildinformationen:

  1. Peter Cachola Schmal, Direktor des Deutschen Architekturmuseums (DAM) und Generalkommissar des Deutschen Pavillons, Foto: Stadt Offenbach
  2. Angekommen in Offenbach: Familie Huesmann am Küchentisch, Foto: Jessica Schäfer
  3. Making Heimat Plakat