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Offenbach am Main, 15. November 2019 – „Es gab Zeiten, da warf man den Fehdehandschuh, um sein Gegenüber zum Handeln, zur Stellungnahme zu bewegen, im Zweifelsfall zu einer Positionsbeziehung auf Leben und Tod.“ So wird der französische Künstler Robert Filiou im Katalog zitiert. Und heute? Trifft man sich am Verhandlungstisch und ist in friedlicher Absicht schon um einiges weitergekommen. So ist auch die Idee eines geeinten Europas aus den Ruinen vom Krieg zerstörter Städte hervorgegangen und trägt, aller Fragilität und Differenzen zum Trotz, die Einheit und Sehnsucht nach Frieden in sich. Auch wenn Europa inzwischen weit mehr als ein Dutzend Länder umfasst, hat Bildhauer Martin Pfeifle die symbolträchtige Zwölf zum Mittelpunkt seiner Arbeit gemacht. Aus zwölf metallenen Säulenelementen formt er den Kreis, der einstmals auch der schmückende Kranz der Siegesgöttin Victoria gewesen sein könnte. Stolz hatte sie auf dem Aliceplatz an den deutsch-französischen Krieg 1870/71 erinnert, war dann auf dem Alten Friedhof platziert und dort vom Blitz getroffen worden. Ihre Fragmente werden heute im Haus der Stadtgeschichte aufbewahrt, auf dem Friedhof geblieben ist der Sockel, der den Sommer mit der Skulptur „VikyNiky“ in Korrespondenz trat. Ein eher alberner Titel sei das, gesteht Pfeifle zu, der aber auch die Verquickung darstelle. Denn seine Victoria ist ergänzt um die ebenfalls abwesende griechische Siegesgöttin Nike, für ein Europa, das weder Triumphe noch Siege braucht und schon gar keine Kriege. Explizit als Friedensbotschaft soll die Installation „Europa!!!“ verstanden werden, die jetzt von Offenbach weiterwandern soll.

In Auftrag gegeben hatte die Arbeit das Amt für Kultur- und Sportmanagement, kuratiert wurde das Projekt von Rafael von Uslar, der auch die Texte für den Katalog verfasst hat. „Wir haben im Rahmen des Projektes Hidden View vor drei Jahren verloren gegangene Orte in den Blick genommen und sind nun der Frage nach dem Bedeutungsverlust des Denkmals nachgegangen“, erläutert Britt Baumann vom Kulturamt. Sie hat zusammen mit Rafael von Uslar das Projekt für Offenbach konzipiert und mit Pfeifle einen Künstler eingeladen, der sich bereits seit längerem in seinen Arbeiten mit Erinnerung, Architektur und Abstraktion beschäftigt. „Wenn wir heute über Demokratie reden, müssen wir uns auch der Vergangenheit stellen. VikyNiky ist die Einladung, sich im Kreis zusammenzusetzen, zu reden, sich zu treffen.“ Die auch bei den Offenbachern gut ankam: kein Vandalismus, sondern nur ein bisschen Patina hat das Metall angesetzt, das Pfeifle nun zu seiner ersten Station nach Bonn bringt.

Bildinformation:

Gabriele Schreiber von der Verwaltung Städtische Friedhöfe beim Stadtservice Offenbach, Künstler Martin Pfeifle und Britt Baumann mit dem Katalog vor dem Sockel auf dem Alten Friedhof

Gruppenfoto
© Stadt Offenbach
Fragmente der ehemaligen Skulptur sind zu sehen
© Stadt Offenbach
Erklärungstafel zu der Aktion
© Stadt Offenbach