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Offenbach am Main, 30. Oktober 2019 – Wie bewältigen Städte neue Herausforderungen und wie finden sie aktuelle Lösungen für altbekannte Probleme? Wie können lokale Akteure die Handlungschancen und -hindernisse in ihrer Stadt verstehen, um innovative Lösungen für lokale Herausforderungen zu finden? Diese Fragen wurden auf einem Workshop der Schader-Stiftung in Darmstadt von Wissenschaftlern mit Vertretern aus Klein- und Großstädten erörtert. Eingebettet in ein Forschungsprojekt der Technischen Universität Darmstadt und der Universität Athen wurde danach gefragt, ob und wieweit das Selbstbild einer Stadt und damit ihr urbanes Potential beinflussbar sind. Über Fallstudien der Städte Bensheim, Leipzig, und Offenbach am Main wurde berichtet und mit Praktikern aus diesen Städten diskutiert. Für Offenbach diskutierten Dr. Matthias Schulze-Böing, Leiter des Amts für Arbeitsförderung, Statistik und Integration, und Prof. Dr. Kai Vöckler von der Hochschule für Gestaltung.

Ausgangspunkt des Projekts unter Leitung des TU-Professors Hubert Heinelt war die Forschungshypothese, dass Innovationen in der Stadtentwicklung nicht allein mit den Rahmenbedingungen und „harten Fakten“ erklärt werden können. Es komme vielmehr auch auf das Selbstbild der lokalen Akteure an, auf ihre Sicht auf ihre Stadt und darauf, welche Möglichkeiten sie haben, was sie wie und mit welchen Partnern erreichen können. Diese lokalen „Entwicklungsnarrative“ waren es, die die Forscher um Heinelt und die Schader-Stiftung in diesem Workshop mit Experten und kommunalen Praktikern auf den Prüfstand stellen wollten.

Als ein neues Selbstbild Offenbachs identifizierten die Forscher das Bild der „Arrival City“, einer Ankunftsstadt für Zuwanderer und einer Modellstadt gelingender Integration, wie sie durch die Präsentation im Deutschen Pavillon auf der Architekturbiennale in Venedig im Jahr 2016 popularisiert worden war. Inwieweit damit wirklich das Selbstbild der Offenbacher und das zentrale Entwicklungspotential der Stadt zutreffend charakterisiert wird, wurde kontrovers diskutiert. Unbestritten war, dass über die Etikettierung als „Arrival City“ einer größeren Öffentlichkeit die herausfordernde, aber insgesamt erfolgreiche Integrationsarbeit in Offenbach überhaupt erst bewusst wurde und eine Facette im Profil der Stadt in einer neuen und positiven Perspektive erschien, wie die zahlreichen nationalen und internationalen Reaktionen zeigten.

Dr. Schulze-Böing zeigte sich allerdings skeptisch, ob man der komplexen Realität einer Stadt und ihrer Wahrnehmung von außen und von innen mit derart zugespitzten Formeln gerecht werden kann. Die Zuwanderung aus dem Ausland sei zwar unbestreitbar ein über Jahrzehnte hinweg prägendes Merkmal der Stadtentwicklung. Allerdings sei die Zuwanderung von den Offenbachern jedoch schon immer ambivalent wahrgenommen worden, zum einen als ein großes Potential für eine vielfältige, junge und lebendige Stadt, zum anderen jedoch als eine große Herausforderung für die Stadtgesellschaft, die in mancher Hinsicht, etwa im Bereich des Wohnungsmarktes und der Sozialpolitik auch mit großen Belastungen verbunden sei.

Lange Zeit sei es zudem nicht die Zuwanderung, sondern der Charakter einer Industriestadt, der das Selbstbild der Stadt geprägt habe, auch als Industriearbeitsplätze in der Wirtschaft der Stadt schon lange an Bedeutung verloren hatten. Wenn man nach neuen Selbstbildern der Offenbacher suche, seien es eher die neu entdeckten Qualitäten als Wohnstandort und die Ausstrahlung von spektakulären Projekten wie der Hafenbebauung, die zu einer sich langsam herausbildenden neuen Wahrnehmung der Stadt beitrügen. Auch das Bekenntnis zur Kreativwirtschaft und zur Hochschule für Gestaltung als Kristallisationspunkt einer kreativen Szene habe den Imagewandel der Stadt angetrieben.

Prof. Vöckler wiederum betonte, dass die Drehung des Negativimages Offenbachs ins Positive durch das Bild der „Arrival City“ und die damit verbundene Anerkennung der kommunalen Leistung in den vergangenen Jahren nicht zu unterschätzen sei. Sie habe in seiner Wahrnehmung auch in Stadtverwaltung wie Stadtpolitik einen gewissen Stolz ausgelöst. Auch werde deutlich, dass viele Einwohner mit Migrationshintergrund sich erst in dieser Perspektive wahrgenommen fühlen. Aber man müsse, so Vöckler, auch zur Kenntnis nehmen, dass die Herkunftsdeutschen abwandern. Ob dies dem allgemeinen Trend zur Abwanderung ins Umland geschuldet ist oder möglicherweise in Überfremdungsängsten gründet, ist allerdings nicht bekannt. Er verwies dabei auf die langfristig negative Wanderungsbilanz der deutschen Bevölkerung und die Tatsache, dass das Bevölkerungswachstum der vergangenen Jahre in großem Maße auf den Zuzug von Nicht-Deutschen zurückzuführen sei. Ob das Selbstverständnis als „Arrival City“ eine übergreifende Bindungskraft entwickelt, werde sich, so Vöckler, daher erst zeigen müssen.