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Wenn es richtig ist, dass der Main den Süden vom Norden scheidet, dann ist Offenbach Süddeutschlands äußerster Norden. Von hier aus erscheint schon das angrenzende Frankfurt in nordischer Kühle. Es liegt ja auch jenseits des Flusses.

Wie eine richtige Grenzstation findet man Offenbach stets in einem „Dazwischen„. Zwischen Nord und Süd.Zwischen Taunus, Odenwald, Spessart und Vogelsberg. Zwischen dem Wein vom Rhein und den fränkischen Reben. Zwischen Skyline und Fachwerkidylle, irgendwo zwischen Gemächlichkeit und Geschäftigkeit.
Eine solche Lage befähigt zum Aufnehmen und Abwehren im gleichen Maß. Sinnfällig stellt sich das dar in Offenbachs bemerkenswertestem Bauwerk, dem Renaissanceschloss der Fürsten Isenburg. Dem Main im Norden zeigt es eine Front von abweisender Strenge. Die südliche, der Stadt zugewandte Front löst sich heiter auf in Loggien und üppigem Figurenschmuck.

Kenner zählen das anmutige kleine Schloss zu den reizvollsten Renaissancebauten nördlich der Alpen. Und dieses Kleinod ist kein Museum, es lebt. Wie ein Juwel wird es umfasst vom Komplex der Offenbacher Hochschule für Gestaltung. Sie nutzt auch das Schloss für ihren Lehrbetrieb.

Davon wirken Impulse in die Stadt hinein. Absolventen der Hochschule blieben in Offenbach. Ihre eigene Denk-Werkstatt richteten sie am Ort ihrer Ausbildung ein. Ohne dass es spektakulär aufgefallen wäre, hat sich daraus eine Konzentration von Kreativen gebildet, von Gestaltern, Designern, Werbern, Künstlern und Agenturen.

Noch freilich haftet Offenbach der Duft von Leder an. Vorüber sind zwar die Zeiten, als man in fast jeder Straße eine Täschner-Werkstatt fand. Aber als der deutsche Marktplatz für Lederwaren weist Offenbach sich regelmäßig mit Internationalen Lederwaren-Messen und Modeforen aus. Und das Deutsche Ledermuseum, wo sollte es denn anders zu finden sein als in Offenbach? Streng genommen handelt es sich dabei um zwei Museen. Eine eigenständige Abteilung des Hauses bildet das Deutsche Schuhmuseum. Beide führen in unterhaltsamer Weise auf Streifzüge durch Völkerkunde und Kulturgeschichte. Das öffnet den Blick für ferne Zeiten und fremde Kulturen.

Einem engeren Spezialgebiet ist das Klingspor-Museum für moderne Buch- und Schriftkunst gewidmet. „Modern“ meint in diesem Fall die Zeit nach 1900 mit ihren Höhepunkten an künstlerischer Entfaltung. Offenbach hatte daran einen nachklingenden hohen Anteil, in dem das Museum wurzelt.

Was hier an Drucken, Illustrationen und erlesenen Einbänden gesammelt ist, zieht Kenner und Liebhaber an aus buchstäblich allen Erdteilen. Zu einem Treffpunkt für Kinder wird das Haus in jedem Jahr mit einer international beschickten Ausstellung von Kinderbüchern. Auch dabei geht es natürlich um die künstlerische Qualität.

Es versteht sich, dass auch Offenbach seiner Stadtgeschichte ein Museum eingerichtet hat. Doch auch dort wird das Blickfeld über den lokalen Rahmen geweitet. Beispielsweise mit einer Nachbildung jener Stangenpresse, mit der Alois Senefelder um 1800 in Offenbach seine Erfindung der Lithografie fortentwickelte. Als künstlerisches Ausdrucksmittel trat sie ihren Weg in die Welt tatsächlich aus Offenbach an.

Lange Zeit hat sich Offenbach als Industrie-Standort und Arbeiterstadt dargestellt. Doch das ist Vergangenheit, das alte Image abgestreift. Mittlerweile zeigt Offenbach sich als eine Konzentration moderner Dienstleister-Büros. Das hat nicht die Symbolik jenes Denkmals angetastet, mit dem Offenbach sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts sozusagen den Weg in die Zukunft wies.

Dabei handelt es sich um einen vom Jugendstil geprägten Brunnen auf dem Platz zwischen Isenburger Schloss und Hochschule für Gestaltung. Zwei Figuren krönen ihn: Merkur, der Gott des Handels und Gewerbes, führt an der Hand den Knaben Pluto. Und der galt den alten Römern als Gott des Wohlstands.

Von Lothar R. Braun