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Teilnehmer des „Engagement Global“-Austauschtreffens im Offenbacher „Frida-Rudolph-Haus © Stadt Offenbach
Die Welt verbessern kann nur gemeinsam gelingen: 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung umfasst die 2015 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedete „Agenda 2030“. Armut und Hunger verringern, Gesundheit und Wohlergehen für alle haben sich die 193 Länder auf die Fahnen geschrieben. Außerdem hochwertige Bildung, Maßnahmen zum Klimaschutz, nachhaltiger Konsum und Produktion sowie Geschlechtergleichheit. Ein ambitioniertes Zukunftsprogramm, das erstmals neben der ökonomischen, ökologischen und sozialen Entwicklung den Aspekt der Nachhaltigkeit berücksichtigt.
Es geht also nicht nur darum, punktuell Hunger zu beseitigen und Bildung zu ermöglichen, sondern im gegenseitigen Austausch langfristige, eben nachhaltige, Lösungen zu finden. Dass das dazu erforderliche Bewusstsein mancherorts auch erst geschaffen werden muss, ist den Initiatoren bewusst. Hier setzt das vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung initiierte Programm „Engagement Global“ mit seinem Pilotprogramm der kommunalen Nachhaltigkeitspartnerschaften an, das auf einen gegenseitigen Wissenstransfer setzt. Über 200 Städte hatten sich beworben, neben Offenbach sind weitere 13 deutsche Kommunen mit ihren Partnerstädten in Bosnien und Herzegowina, Kosovo und Serbien beteiligt.  Welche Ziele sie gewählt haben und wie diese umgesetzt werden sollen, stellten die angereisten Kommunen bei ihrem Treffen Mitte September im Offenbacher Frida-Rudolph-Haus vor. Status Quo, mögliche Synergien, aber auch Probleme: Das zweitägige Treffen zeigte, wo guter Wille und Ideen an kulturelle Grenzen stoßen, aber auch, welche Potenziale im gut gelebten Austausch stecken können.
Die beiden Damen
Vera Strasser von der Servicestelle Kommunen in der einen Welt (SKEW) und Jessica Baier. Abteilung Themenpartnerschaften und Agenda 2030 kommunal bei der SKEW © Stadt Offenbach
Dem Treffen war ein erster Austausch im Januar in Gelsenkirchen vorausgegangen, bei dem die Auseinandersetzung mit der Agenda 2030 und möglichen Projekten im Vordergrund standen. Jetzt waren die Idee konkreter, manche sogar bereits in der Umsetzung. Viel Aufbruch, aber auch viel Ernüchterung, denn nicht bei allen Kommunen hatte sich der gewünschte Austausch mit der Partnerstadt sofort eingestellt. Jessica Baier vom Projektbüro kennt das: „Wechselnde Ansprechpartner, unklare Kompetenzen. Wir helfen, wenn es schwierig wird.“

Unproportional zu den Herausforderungen wachsende Etats

Eine Welt ohne Hunger, Wohlstand für alle, Bekämpfung von Klimawandel und Fluchtursachen erläutert Ulrich Kaltenbach Wunsch und Mission des BMWZ: „Wir haben Nachhaltigkeit zum Prinzip unseres Handelns gemacht, um wirtschaftlichen Fortschritt und soziale Gerechtigkeit voranzutreiben.“ 15 Millionen Euro hat das Referat für entwicklungspolitische Zusammenarbeit in diesem Jahr daher für die kommunalen Nachhaltigkeitspartnerschaften zur Verfügung gestellt, 2018 sind es bereits 20 Millionen Euro und für die kommenden Jahre hofft Kaltenbach auf einen weiter wachsenden Etat.

Wenn Du schnell gehen willst, gehe alleine.
Wenn Du weit kommen möchtest, gehe mit anderen

„Wir haben eine gemeinsame Verantwortung, die 17 Ziele zu erreichen. Dazu müssen wir die globale Agenda auf die lokale Arbeit übersetzen“, erklärt Baier. Sie und ihr Team helfen den Kommunen dabei, einen strategischen Ansatz zu entwickeln, koordinieren und organisieren die Austauschtreffen. Denn so wie sich an den zwei Tagen die deutschen Kommunen über ihr Projekte austauschen, sollen dies auch die Partnerstädte der beteiligten Länder in Bosnien und Herzegowina, Kosovo und Serbien machen. Dzemira Kovacevic arbeitet an der Servicestelle für Kommunen und organisiert dieses Treffen im November in Sarajevo. Das sei überhaupt das Beste an Engagement Global, sagt sie, „dass alle Kommunen gleichberechtigt sind und sich auf Augenhöhe begegnen.“

Zwischen Lippenbekenntnissen und beherzter Umsetzung

Dass Top-down nicht unbedingt funktioniert, kann Dr. Matthias Schulze-Böing, Leiter des Offenbacher Amtes für Arbeitsförderung, Statistik und Integration nur bestätigen: „Bei der internationalen Kooperation ist der gegenseitige Respekt und Rücksicht auf die staatlichen Rahmenbedingungen besonders wichtig“. Auf der anderen Seite gelte es, weitere Bürokratiemonster zu vermeiden: „Wenn es zu kompliziert wird, können wir es nicht machen.“ Umso wichtiger sind jetzt Austausch und Unterstützung.

Inhaltlich sind alle Kommunen inzwischen weit vorangekommen, Gelsenkirchen hat die geplante Solarbrücke in Zenica so gut wie umgesetzt. Die Koordinatorin für kommunale Entwicklungspolitik Anna Konrad weiß, dass „das nur funktioniert, weil der Bürgermeister hinter dem Projekt steht.“ Keine Partnerstadt, aber ein „Memorandum of Understanding“ haben die Städte Pfaffenhofen und Valjevo in Serbien Anfang des Jahres unterzeichnet und auf beiden Seiten wird das Projekt, versiegelte Flächen für Stadtgrün zu öffnen, engagiert vorangetrieben. Damit soll ein Beitrag zur Artenvielfalt geleistet und die Ziele Nummer 13 -„Maßnahmen zum Klimaschutz“ - und Nummer 15 - „Leben an Land“ - umgesetzt werden.

Ingolstadt will gemeinsam mit der Partnerstadt deren Müllproblem angehen, Gera verbindet in einer Werkstatt für psychisch Behinderte im serbischen Goradze Nachhaltigkeit und Inklusion. Er sei schockiert gewesen, als er bei einem ersten Besuch die schwimmende Plastikinsel auf dem Fluss Drina gesehen habe, berichtet Ralf Rauch, Oberbürgermeister a.D. und nun für den Rotary Club aktiv: „Damit der Plastikwahn aufhört, sollen in der Werkstatt jetzt Stoffbeutel gefertigt werden.“

Wolfsburg und Sarajevo sind zwar bereits seit 1985 Partnerstädte, aber auch hier bedurfte es „Engagement Global“, um den Kontakt jetzt wieder zum Leben zu erwecken. „Private Kontakte gab es immer, aber auf offizieller Ebene gab es seit dem Jugoslawienkrieg keine Anknüpfungspunkte“, berichtet Koordinatorin Nora Mühling.

MSB mit großem Blatt
Dr. Matthias Schulze-Böing, Leiter des Offenbacher Amtes für Arbeitsförderung, Statistik und Integration beim Skizzieren des Offenbacher Fahrplans für „Engagement Global © Stadt Offenbach

Gründerkompass für Zemun

Ähnlich war es auch in Offenbach: Seit 1956 ist die hessische Großstadt mit der 152.000 Einwohner zählenden serbischen Stadt Zemun partnerschaftlich verbunden. „Engagement Global war die Antwort auf die Frage, wie sich die Partnerschaft wiederbeleben lässt“: Bettina Jöst, beim Amt für Öffentlichkeitsarbeit zuständig für die Städtepartnerschaften wollte mehr als verwalten und hatte schon länger nach Mitteln und Wegen gesucht. Gemeinsam mit Dr. Matthias Schulze-Böing und Sozialplaner Ralf Theißen wurden mögliche Themenfelder definiert und priorisiert. Umwelt und Gewässerschutz, Urban Gardening und Existenzgründungen.

Nach einem Besuch in Zermun stand der erste Anker fest: “Wir haben gemeinsam mit unseren Partnern bei der Stadt Zemun einen Rundgang gemacht und klar die Entwicklung der Quartiere als gemeinsames Feld ausgemacht. Da haben wir entsprechende Kompetenzen und wollen in einem ersten Schritt mit dem in Offenbach erfolgreich aufgelegten Gründerkompass einen Impuls für Eigeninitiative und wirtschaftliche Entwicklung geben“, berichtet Schulze-Böing. Außerdem sollen im ersten Quartal Begleitmaßnahmen mit einem Schwerpunkt Gründungen von Migranten und Flüchtlingen stattfinden. „Denn“, so erklärt Amtsleiter Schulze-Böing, „Immigration ist auch in Zemun ein Thema. Wenn wir zur guten Integration der Menschen dort beitragen können, ist das auch für uns in Deutschland und in Offenbach ein Gewinn.

Offenbach am Main, 1. November 2017