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Reisegruppe
Stadtverordnetenvorsteher Stefan Färber und OPG-Projekteiter Ulrich Lemke führen Mitglieder der japanischen Delegation durchs Hafenviertel © Stadt Offenbach / Richter
Nach 35 Jahren haben die Verwaltungschefs der Städte Kawagoe und Offenbach, Yoshiaki Kawai und Dr. Felix Schwenke, mit der feierlichen Unterzeichnung eines Dokuments ihre auf Kommunalebene bestehende Partnerschaft bekräftigt. Der Festakt am Lichterfest-Wochenende war wichtigster Bestandteil des Besuchsprogramms einer 29-köpfigen Delegation aus Fernost.

"Yukoukankei ga korekaramo tsuzukimasu youni!“ drückt auf Japanisch die Hoffnung auf ein gedeihliches Fortbestehen der freundschaftlichen Beziehungen zwischen Kawagoe und Offenbach aus. Diese Erwartungshaltung wird unzählige Male deutlich während des Besuchs einer 29-köpfigen Delegation, bestehend aus einer Parlamentariergruppe, Menschen aus der Mitte der Gesellschaft sowie von Vertretern von Wirtschaft und Handel, am Lichterfest-Wochenende in der Lederstadt.

Um zu bestätigen, was die Gründerväter der Verschwisterung mit der Metropole etwa 30 Zugminuten von Tokio entfernt vor über 35 Jahren beschlossen haben, erneuern Kawagoes Bürgermeister Yoshiaki Kawai und sein Amtskollege Oberbürgermeister Dr. Felix Schwenke während eines Festakts im Klingspor Museum das Partnerschaftsgelöbnis. In dem von den Kommunalpolitikern unterzeichneten Dokument heißt es: „Wir wollen, dass der gegenseitige Austausch von Jugend, Sportler- und Bürgergruppen, sowie der intensive Erfahrungsaustausch in den Bereichen der Verwaltung und der Wirtschaft, auch weiterhin das gegenseitige Vertrauen und Verstehen wachsen lässt.“

Wer Freundschaften pflege, baue Brücken und errichte keine Mauern, formuliert OB Schwenke den Anspruch an die Verbindung über Kontinente hinweg. „Je mehr wir an Brücken bauen, desto weniger Steine bleiben für Mauern.“ Die Bevölkerung in beiden Städten, noch dazu aus anderen Kulturen, habe diese Partnerschaft über 35 Jahre gepflegt, bekräftigt auch Yoshiaki Kawai. „Dies war nur möglich durch die Begeisterung der Verantwortlichen und vieler engagierter Bürger.“ Aufgabe und Verpflichtung bleibe, diese starke Verbindung zwischen Kawagoe und Offenbach zu pflegen und sie an die Jugend, die in Zukunft Verantwortung übernehme, weiterzugeben. Das besiegeln neben Kawai und Schwenke auch die Spitzen der beiden Kommunalparlamente, City Council Speaker Kikuzo Mikami und Stadtverordnetenvorsteher Stephan Färber, sowie der Präsident des Verschwisterungskomitees, Toshio Shimizu, mit ihren Unterschriften unter das Dokument. Der Gästeeintrag ins Goldene Buch der Stadt darf nicht fehlen, ebenso wenig der Austausch von Geschenken, darunter Offenbacher Bier – bekanntermaßen „verboten gut“. OB Schwenke überreicht zudem eine Radierung von Offenbach und erhält einen prächtig ausgekleideten Tischtennisschläger.

Wir stark das Band beider Städte in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens ist, zeigt sich in der Begegnung und dem Engagement von Menschen besonders in den Bereichen Schule, Kultur und Sport. So hat Kazuhiro Nezu – der vor fast auf den Tag genau einem halben Jahrhundert aus beruflichen Gründen nach Deutschland kam, um bei Bosch zu arbeiten, inzwischen aber wieder in Kawagoe lebt – eine ganze Reihe von Jugendaustauschen organisiert, insbesondere auf dem Gebiet des Sports. Für seine Verdienste war dem bekennenden Kickers-Fan, der via Internet die OFC-Spiele regelmäßig verfolgt, 2001 die Bürgermedaille der Stadt Offenbach verliehen worden.

Eintrag ins Goldene Buch
Erneuerung des Partnerschaftsgelöbnisses im Klingspor Museum: Oberbürgermeister Dr. Felix Schwenke, Bürgermeister Yoshiaki Kawai, Stadtverordnetenvorsteher Stefan Färber, Kukuzo Mikami (Sprecher des Stadtrats von Kawagoe) und Toshio Shimizu (Präsident des Städtepartnerschafts-Komitees Kawagoe) © Stadt Offenbach/ Richter

Nezu trifft beim Partnerschaftsfestakt auf den Offenbacher Jürgen Walther. Dieser zählt – damals 18-jährig – zu den ersten Schülern, die 1984 am Austauschprogramm mit Gleichaltrigen in Kawagoe teilgenommen haben. „Bis heute halte ich Kontakt zu meinem japanischen Freund“, unterstreicht Walther die Dauerhaftigkeit der Verbindung. Der Deutsche Chris Brünger, ein Mitglied der Bürgerabordnung, ist in Kawagoe heimisch geworden, wo er als Unternehmensvorstand arbeitet. Er ist mit einem weiteren Bindeglied der Beziehungen vertraut: den Kontakten auf wirtschaftlicher Ebene. Beim Empfang der Delegation im Haus der Industrie- und Handelskammer durch Vollversammlungsmitglied Holger Drewing (Herth + Buss Fahrzeugteile GmbH, Heusenstamm) und Silvia Schubert-Kester, Leiterin Team International bei der IHK, wird im Beisein der japanischen Generalkonsulin Setsuko Kawahara (Frankfurt) dieser Stellenwert ebenfalls bekräftigt. Das Bestehen des kammerseitigen Freundschaftsvertrages geht ins 20. Jahr und basiert auf der Tatsache, dass es damals Zweigwerke der Unternehmen Honda und Hoechst AG in beiden Städten gab und auf diesem Weg erste Bande geknüpft wurden.

Honda Research & Development Europe bietet bis heute in seinem Forschungszentrum im Stadtteil Bieber-Waldhof hochqualifizierte Arbeitsplätze. Auch die Falken Tyre Europe GmbH ist als Teil des Konzerns Sumitomo Rubber Industries Ltd. ein Vertreter Japans in Offenbach mit aktuell 180 Beschäftigten. Hier wird das gesamte Bürogeschäft für Europa abgewickelt, ferner die Sponsorenwerbung für die Fußball-Champions-League-Teilnehmer FC Liverpool und Atlético Madrid. Drewing bescheinigt den in beiden Kammerbezirken ansässigen Unternehmen einen regen Wirtschaftsaustausch, der durch das im Februar zwischen der Europäischen Union und Japan geschlossene Freihandelsabkommen weitere Früchte tragen dürfte. Darüber hinaus wird ein intensiver Praktikantenaustausch gepflegt, den die IHK Offenbach fördert und die Bromkamp-Stiftung bereits seit 1996 für verschiedene Fachrichtungen finanziell unterstützt. Ab September hält sich im Rahmen dieses Programm wiederum eine Gruppe aus dem Kammerbezirk Offenbach für mehrere Monate in Kawagoe auf. „Globale Wirtschaft wird bei uns lokal gelebt“, betont Drewing und adressiert seinen Dank an Masao Tachihara, Chef der Kammer für Handel und Industrie, für die fruchtbare Kooperation der Institutionen und ihrer Mitgliedsfirmen.

Gemeinsamkeiten in den Zielen und pragmatische Unterschiede stellt die Parlamentarierdelegation beim Gedankenaustausch im Rathaus heraus, wo sie den Plenarsaal besichtigt und mit Vertretern von Ältestenrat und Stadtverordnetenversammlung zusammentrifft. Auch hier fehlt es nicht an Symbolik. Für zwei Tage ziert die Sonnenwappenflagge Japans den Fahnenständer im Sitzungssaal ebenso wie die Masten neben beiden Eingängen des Rathauses den offiziellen Charakter des Besuchs japanischer Gäste anzeigt. Im Gegensatz zu Offenbachs Stadtverordnetenversammlung, der 71 ehrenamtliche Mitglieder angehören, leisten im rund 355.000 Einwohner zählenden Kawagoe 36 Stadtverordnete hauptberuflich die Geschicke. Darunter sind lediglich sieben Frauen. „Wir sind etwa 280 Tage im Jahr für unsere Bürger unterwegs, wirken unter anderem in etlichen Fachkommissionen mit“, berichtet Abgeordnete Ayako Yamaki aus ihrer Arbeit. 

Zum Besuchsprogramm in Offenbach gehört auch ein Rundgang durchs prosperierende Hafenviertel. Die Plattform des Blauen Krans bietet OPG-Projekteiter Ulrich Lemke Gelegenheit, der Parlamentariergruppe die Entwicklung vom einstigen Industriestandort zu einem modernen Quartier für Wohnen und Gewerbe zu veranschaulichen. Noch weitere Fern- und instruktive Rundsicht erschließt sich den Gästen aus Kawagoe vom Turm des Kraftwerks der Energieversorgung Offenbach, wo Unternehmenssprecher Martin Ochs und der technische Betriebsleiter Markus Kranz kundige Erläuterungen geben. Begegnungen auf dem samstäglichen Wochenmarkt, so ein zufälliges Aufeinandertreffen von Kawagoes Bürgermeister Yoshiaki Kawai und Offenbachs Ex-OB Gerhard Grandke, und ein Stadtspaziergang mit Gästeführerin Monika Krämer beindrucken ebenfalls.

Im Haus der Stadtgeschichte wird die Delegation aus Kawagoe mit der Grafischen Sammlung des Hauses vertraut, die Kuratorin Katja M. Schneider im Magazin veranschaulicht, und bekommt eine Einführung in das Flachdruckverfahren. An der Stangenpresse des Museums, die nach einem Entwurf aus dem Jahr 1798 des Lithografie-Erfinders Alois Senefelder gefertigt wurde, führt der in Offenbach lebende Künstler und Drucker Dominik Gussmann die handwerkliche Technik vor, indes Hans-Jörg André den geschichtlichen Bezug zu seiner Familie herstellt. Urahn Johann Anton André war es, der sich um Mozarts Werkrezeption große Verdienste erwarb, als er 1799 den gesamten handschriftlichen Nachlass des Komponisten von dessen Witwe erwarb und diesen musikalischen Notenschatz viele Jahre aufbewahrte. „Seine Studien bildeten die Grundlage für das Köchelverzeichnis“, erinnert André.

Den Bogen vom kulturellen Erbe der Musikgeschichte zur Gegenwartskunst schlagen beim Festakt im Klingspor Museum die Frankfurterin Felicitas von Lutzau, seit 2008 an der Hochschule für Gestaltung bei Prof. Martin Liebscher, und der gebürtige Offenbacher Aleksandar Radan. Die beiden Talente setzen ihre künstlerischen Schwerpunkte in der Fotografie beziehungsweise digitalen Medien. Im November bestücken sie in Kawagoe mit Objekten ihres Schaffens eine gemeinsame Ausstellung, die durch die Künstlervereinigung um Vorsitzenden Masayuki Tamura zustande kommt. Als Kreativlinge und Angehörige einer jungen Generation wollen sie dazu beitragen, dass die Partnerschaft zwischen Offenbach und Kawagoe lebendig bleibt – ganz im Sinne des von OB Schwenke beim Festakt zitierten asiatischen Sprichworts: „Wenn du einen Freund hast, geh ihn oft besuchen; denn Dornen und Gestrüpp verwachsen den Weg, der nicht begangen wird.“ (von Harald H. Richter)

Offenbach am Main, 13. August 2019