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Stadt Offenbach

Neues Angebot im Capitol Theater: Visualisierung führt durch ehemalige Synagoge

12.11.2025 – Eine virtuelle Reise in die Vergangenheit ist künftig in Offenbach möglich: Im Capitol Theater können ab 2026 Besucherinnen und Besucher mithilfe modernster Technik die ehemalige Synagoge in ihrer ursprünglichen Gestalt erleben. Das neue Angebot verbindet Geschichte und Gegenwart – und macht genau 87 Jahre nach der Reichspogromnacht ein fast vergessenes Kapitel Offenbacher Stadtgeschichte auf eindrucksvolle Weise wieder sichtbar.

Virtuell rekonstruiert: So sah der Hauptraum der Offenbacher Synagoge von 1916 bis zum Novemberpogrom 1938 aus.

Aufgrund der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft existieren die allermeisten Synagogen in Deutschland nicht mehr. Offenbach bildet hier eine Ausnahme: Der Synagogen-Baukörper inklusive der großen Kuppel blieb an der Goethestraße weitgehend in der alten Form erhalten. „Daher eignet sich das Capitol Theater besonders dazu, die ursprüngliche Gestalt der Innenräume und deren Ausstattung virtuell wieder sichtbar zu machen“, erklärt Capitol-Geschäftsführerin Birgit von Hellborn. „Hier können wir auf innovative Art ein wichtiges Stück Geschichte ins Blickfeld rücken – für Offenbach und auch weit darüber hinaus.“

Die Idee dafür kam von Hellborn gemeinsam mit ihrem Partner Jens Eichhöfer nach einem Besuch im Hochbunker im Frankfurter Ostend, den die Initiative 9. November betreibt. Eine Ausstellung zeigt dort mit digitalen Technologien die virtuelle Rekonstruktion von mehr als 25 Synagogen, die zusammen mit vielen anderen 1938 im Novemberpogrom von Nationalsozialisten zerstört wurden. „Dass so etwas technisch funktioniert, hätte ich vorher nicht für möglich gehalten“, sagt sie. „Außerdem fiel mir auf, dass ich selbst kaum wusste, wie unser geschichtsträchtiges Veranstaltungshaus früher aussah – obwohl ich jetzt schon so lange dort arbeite.“ 

„Ich freue mich sehr, dass sich nach dieser Anregung der Ende 2019 gegründete Verein „Freunde des Capitol Theaters Offenbach e.V.“ sofort bereit erklärt hat, dieses Projekt zu realisieren“, dankt Oberbürgermeister Dr. Felix Schwenke. „So konnte durch Dr. Ing. Marc Grellert und seiner Architectura Virtualis GmbH, der Technischen Universität Darmstadt sowie der Johann Wolfgang von Goethe Universität in Frankfurt eine detailgetreue digitale Nachbildung der Synagoge entstehen – auf Basis historischer Pläne, Fotografien und wissenschaftlicher Expertise. Die alte Synagoge wird also zumindest virtuell wieder erfahrbar – das Haus bekommt gewissermaßen ein Stück seiner Würde zurück. Das ist sehr wertvoll“, betont OB Schwenke. Grellert und sein Team haben bereits rund 40 Synagogen in Deutschland auf diese Weise wiedererstehen lassen.

Sie freuten sich im Capitol Theater über die Visualisierung der ehemaligen Offenbacher Synagoge (v.l.): Martin Wilhelm, Stadtkämmerer der Stadt Offenbach und Aufsichtsratsvorsitzender; Mendel Gurewitz, Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Offenbach; Dr. Thomas Lanio, Vorstandsvorsitzender der Freunde des Capitol Theaters e.V.; Hansjörg Koroschetz, Stiftungsvorstand der Dr. Marschner Stiftung; Birgit von Hellborn, Geschäftsführerin der Capitol Theater GmbH; Dominic Biste, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Offenbach; Michael Beseler, Vorsitzender der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit e.V.; Dr. Ing. Marc Grellert, Geschäftsführer von Architectura Virtualis; Jens Eichhöfer, stellvertretender Beiratsvorsitzender der Freunde des Capitol Theaters e.V.; Prof. Alfred Jacoby, Vorstandsmitglied im Landesverband der Jüdischen Gemeinden Hessens.

Virtuelles Eintauchen in die Geschichte

Die Beteiligten stellten das Projekt am Montagabend, 10. November 2025, dem zuständigen Aufsichtsratsvorsitzenden Martin Wilhelm in Vertretung des erkrankten OB Dr. Felix Schwenke, Bürgermeisterin Sabine Groß, interessierten Stadtverordneten und Magistratsmitgliedern, dem Offenbacher Rabbiner Mendel Gurewitz und seiner Familie sowie dem Vorstand und weiteren Vertretern der Jüdischen Gemeinde in Offenbach und des Landesverbandes jüdischer Gemeinden in Hessen vor. Sogar Sybille Rafael, die in Frankfurt lebende Enkelin des Architekten der Offenbacher Synagoge, Fritz Schwarz, war als Ehrengast gekommen.

Das Ergebnis dieser virtuellen Rekonstruktion wurde durch Dr. Grellert vorgestellt. Ab Anfang 2026 steht der Film mit der Möglichkeit einer 3D-Ansicht den Besucherinnen und Besuchern des Capitols im Eingangsbereich zur Verfügung. Von der Kuppel bis zu den kunstvollen Details des Innenraums können sie die Atmosphäre des einstigen Gotteshauses erleben – begleitet von einer kurzen Führung, die geschichtliche Hintergründe vermittelt und den virtuellen Rundgang einordnet. 

Die finanzielle Basis der mehrere Zehntausend Euro teuren Rekonstruktion legte die Dr. Marschner-Stiftung als Hauptförderer. Darüber hinaus trugen zahlreiche institutionelle und private Spenderinnen und Spender zum Erfolg des Projekts bei – maßgeblich auch die Stadtwerke Offenbach. „Ohne diese großzügige Unterstützung wäre das Vorhaben nicht zu verwirklichen gewesen“, betont Dr. Thomas Lanio, Vorsitzender des Vereinsvorstands. Martin Wilhelm dankte im Rahmen der Veranstaltung allen finanziellen Förderern ausdrücklich für ihr Engagement: „Dank der gemeinsamen Kraft vieler Unterstützer können wir heute die Synagoge virtuell wieder erlebbar machen. Das ist ein bewegender Moment für Offenbach und ich danke allen, die ihren Teil dazu beigetragen haben.“

Die Visualisierung zeigt den Eingangsbereich der ehemaligen Synagoge...
... und die reich verzierte Kuppel mit Leuchter oberhalb des Hauptraumes.

Zur Historie: Synagoge als Zentrum des liberalen Judentums

Mit dem Bau der damals neuen Synagoge in der Goethestraße hatte die Jüdische Gemeinde in Offenbach 1913 aufgrund ihres stetigen Wachstums begonnen. Anders als es lange Zeit im Synagogenbau üblich war, orientierte sich deren Architektur nicht am neo-romanischen oder orientalischen Stil, sondern an der griechisch-römischen Antike: Dorische Säulen prägten den Vorhof (das heutige Atrium), und die aus Eisenbeton geschaffene 30 Meter hohe Kuppel zitiert das Pantheon in Rom. Vorbild für die Raumfolge war der Zweite Jerusalemer Tempel. 

Die im April 1916 geweihte Synagoge wurde zu einem Zentrum des deutschen, vor allem aber des liberalen (im Gegensatz zum orthodoxen) Judentums. In Offenbach wurde auch die erste Rabbinerin in der Geschichte des Judentums, Regina Jonas, ordiniert. Eine Vielzahl kultureller Aktivitäten in der Synagoge und deren Festsaal, die alle Teile der Stadtgesellschaft besuchten, bereicherten bereits damals das Offenbacher Kulturleben. 

In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde die Synagoge geschändet. Ein gezielt gelegtes Feuer zerstörte Thoraschrein, Rabbinerzimmer und Bibliothek. Die Gebäudehülle blieb bewusst unversehrt, damit das Gebäude durch die nationalsozialistische Führung in Offenbach von 1940 bis 1945 als Kino und Theater genutzt werden konnte. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging die ehemalige Synagoge in den Besitz des 1948 gegründeten Treuhandverbandes JIRSO (Jewish Restitution Successor Organization) über. 1954 überließ die neu gegründete jüdische Gemeinde in Offenbach das Gebäude der Stadt, mit der Auflage, das Haus ausschließlich für kulturelle Zwecke zu nutzen. Hieraus entstand – nach verschiedenen kulturellen Nutzungen, unter anderem für das Rock-Musical „Tommy“ – 1998 das heutige Capitol Theater, ein multifunktionales Veranstaltungshaus unter dem Dach der Stadtwerke Offenbach.

Vergangenheit erleben – Zukunft gestalten

„Mit der virtuellen Rekonstruktion der Offenbacher Synagoge wird nicht nur ein bedeutendes Stück Bau- und Kulturgeschichte gewürdigt, sondern auch ein Zeichen gegen das Vergessen gesetzt“, sagt Henryk Fridman, Mitglied des Vorstands der Jüdischen Gemeinde in Offenbach. 

In einer geplanten Erweiterung des Projektes ist beabsichtigt, VR-Brillen (Virtuelle Realität) zu beschaffen und neben Besucherinnen und Besuchern auch Schulklassen die Möglichkeit zu geben, die Offenbacher Synagoge im Jahr 1916 virtuell und hautnah zu erleben. Das Capitol Theater knüpft damit an seine historischen Wurzeln an und lädt dazu ein, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft an einem Ort zu verbinden – auf bewegende, lehrreiche und zugleich innovative Weise.

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