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von Anton Jakob Weinberger

Es sind gesichtslose Mietshäuser, errichtet während der Nazi-Zeit von der Gemeinnützigen Baugesellschaft Offenbach (GBO), und zwar im Süden der Stadt, im Viertel „Tempelsee“. Die Fassadenfarbe des Blocks an der Weserstraße, der zwei Gebäude umfasst, wechselt zwischen einem matten Aschgrau und einem blassen Lindgrün. Die Fassade des Blocks gegenüber an der Wilhelm-Schramm-Straße ist nicht minder schmucklos, doch mittlerweile kräftig grün getüncht.

Auffallend ist der Sockel aus buckeligem roten Sandstein, Anklang an ein verblichenes Architekturideal: den sogenannten Heimatschutzstil, der um 1900 entstand und noch bis 1945 beliebt war. In ein schmutziges Grau gehüllt sind die drei Wohnblocks, die um die Ecke am mittleren Brunnenweg stehen. Beige Ziegel kaschieren Sockel und Türrahmen, täuschen Traulichkeit vor. Die Fenster indes ─ sie gelten als „Augen“ eines Gebäudes ─ scheinen bei allen GBO-Häusern in diesem Viertel wie erstarrt. Uniformität bestimmt die Wohnhäuser, nicht Individualität.

Mietwohnungen für „Minderbemittelte“

Im Stadtteil Tempelsee errichtete die GBO zwischen 1936 und 1939 insgesamt 55 Mietwohnungen in 11 Häusern:  am Brunnenweg 35-37 sowie 88-96, in der Weserstraße 45-47 und der Wilhelm-Schramm-Straße 7-9. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs kam die Bautätigkeit der GBO zum Erliegen. In die Tempelsee-Wohnungen sollten Leute einziehen, die als „minderbemittelt“ galten, mithin wenig Geld verdienten. Das war nicht anders als schon zur Anfangszeit der Weimarer Republik, in der die GBO Ende Dezember 1921 gegründet wurde.

Dass die Mietshäuser im Stadtteil Tempelsee trist erscheinen, ist kein Zufall, sondern Ausdruck der Architekturvorstellungen der Nazis für den Mietwohnungsbau. Dessen ästhetische Kargheit war der Kontrapunkt zu jenem auftrumpfenden Neo-Klassizismus, den die Nazis mit ihren monumentalen Repräsentationsbauten in Berlin, München, Nürnberg und Linz in Szene setzten.

Nazistischer Kontrollwahn

Ob sich die GBO in ihren Architekturvorstellungen der Nazi-Doktrin angepasst hat oder diejenigen, die damals in dem Wohnungsbauunternehmen verantwortlich waren, von sich aus einem ästhetisch kargen Mietwohnungsbau den Vorzug gaben, lässt sich aufgrund der dürftigen Quellenlage nicht feststellen. Klar ist, dass die Nationalsozialisten den Wohnungsbau von Anbeginn ihrer Diktatur zentral zu steuern suchten. Reichsverordnung folgte auf Reichsverordnung, etliche von ihnen hatten gar bis in die 1960er Jahre noch Geltung.

Der nazistische Kontrollwahn umfasste auch die „Baugestaltung“. So wurde am 10. November 1936 die „Verordnung zur Baugestaltung“ erlassen. Demnach hatten die Häuser „Ausdruck anständiger Baugesinnung und werkgerechter Durchbildung" zu sein (§1).

Hitlers Machtantritt war auch für die GBO eine Zäsur

Aus dem spärlichen Archivmaterialien, die etwa in Offenbach und Darmstadt verwahrt werden, lässt sich das Verhalten der GBO während des Dritten Reichs nur in großen Zügen nachzeichnen. Fraglos war Hitlers Machtantritt im Januar 1933 auch für die GBO eine Zäsur. Das betraf zum Beispiel die Bestellung der Notare, die Grundstückskäufe und Finanzgeschäfte zu beglaubigen hatten.

Das Gründungsdokument der Baugesellschaft vom Dezember 1921 wurde von dem jüdischen Rechtsanwalt und Hessischen Notar Dr. Siegfried Guggenheim paraphiert. Guggenheim, 1873 in Worms geboren, war seit 1900 Sozius der renommierten Offenbacher Kanzlei des Otto von Brentano. Im späteren Volksstaat Hessen wurde von Brentano Innen- und Justizminister.

Guggenheim, der jahrzehntelang als Kunstmäzen in Offenbach wirkte ─   ein enger Freund des in der Schriftgießerei Gebr. Klingspor und an den Technischen Lehranstalten tätigen protestantischen Schrifterneuerers Rudolf Koch ─  , war der letzte Vorsitzende der 1707 gegründeten Israelitischen Religionsgemeinde Offenbach vor der Schoa. Vom 16. Juni 1933 an durfte Guggenheim jedoch nicht mehr als Notar tätig sein. Eine Folge des am 7. April 1933 von den Nazis erlassenen antidemokratischen und rassistischen „Berufsbeamtengesetzes“. Demnach konnten Juden Berufe mit sogenannter öffentlich-rechtlicher oder öffentlicher Wirksamkeit nicht mehr ausüben. Guggenheim wurde aus der Liste der Hessischen Notarkammer gestrichen. Später durfte Guggenheim nur noch für Juden als Rechtsanwalt tätig werden.

Nach dem Novemberpogrom 1938 wurde Guggenheim  ins Konzentrationslager Buchenwald deportiert und dort drei Wochen lang gequält. Die Gestapo zwang ihn und seine Frau Eugenie im Dezember 1938 Deutschland zu verlassen. Das Ehepaar Guggenheim suchte Zuflucht in Flushing, New York, USA. Im Oktober 1948 ernannte die Stadt Offenbach Guggenheim zum Ehrenbürger. Nach langem Zögern und zunächst widerstrebend nahm Guggenheim diese Ehrung an.  

Eines der größten Bauvorhaben der GBO paraphierte der Hessische Notar und Rechtsanwalt Erwin Stein am 18. Juli 1929, und zwar mit der Kleinwohnungsbaugesellschaft  „Dornbusch“, die 182 Wohnungen erstellte. An der Spitze der städtischen Partner stand der Offenbacher Bauunternehmer Ludwig Hasenbach. Stein war als Staatsanwalt und Richter bis 1933 an mehreren hessischen Gerichten tätig. Im Juli 1933 ersuchte er um die Entlassung aus dem Staatsdienst, da seine Frau Hedwig Jüdin war. Stein ließ sich als Rechtsanwalt in Offenbach nieder. Seine Frau nahm sich am 23. März 1943 das Leben. Sie kam ihrer Deportation in ein Vernichtungslager zuvor. Nach dem Zusammenbuch der Hitler-Diktatur war Stein, der der CDU beigetreten war, Mitglied der Verfassungsberatenden Landesversammlung für Groß-Hessen und deren Verfassungsausschuss. Zusammen mit dem Offenbacher Rechtsanwalt Karl Kanka legte Stein im September 1946 einen Verfassungsentwurf für Hessen vor, den „Vollradser Entwurf“. Später wirkte Stein als hessischer Kultus- und Justizminister.

Mit dem Hoheitszeichen des NS-Staats

Bei der juristischen Abwicklung des ersten von der GBO in der Nazi-Zeit erstellten Bauvorhabens im Brunnenweg 86-96 wirkte der Offenbacher Notar Josef Goedecker mit. Als Notar beglaubigte er für die GBO am 10. August 1936 die Schuldurkunde und Hypothekenbestellung.

Bei dem Dokument fällt Goedeckers Kanzleistempel in den Blick. Unterhalb des Reichsadlers, dessen Kopf, vom Betrachter aus gesehen, sich nach links wendet, ist den Adlerkrallen das eichenumkränzte Hakenkreuz angefügt: Hoheitszeichen des NS-Staates. Die Schuldurkunde trägt dieses Zeichen auf der ersten und der letzten Seite samt des Namens der Kanzlei im Emblem.

Verjagt und verzweifelt, gefügig und hörig

Nicht nur trennten sich mit Beginn der Nazi-Zeit die Wege der Hessischen Notare Guggenheim und Stein von denen der GBO, auch unter den GBO-Gründungsmitgliedern offenbarten sich unterschiedliche Haltungen gegenüber der Hitler-Diktatur. So entfernten die Nationalsozialisten Bürgermeister Aull, der die Stadt Offenbach bei der GBO-Gründung 1921 und in den folgenden Jahren im Aufsichtsrat vertreten hatte, am 27. März 1933 aus dem Amt. Erst 1929 war der Sozialdemokrat für 12 Jahre als Bürgermeister wiedergewählt worden. Aull ─   mit einer Jüdin verheiratet, der es gelang, rechtzeitig nach China zu emigrieren ─   erhängte sich am 25. November 1938 in Offenbach: aus Verzweiflung über das Novemberpogrom gegen die Juden in Deutschland.

Unterdessen hatte sich die traditionsreiche und international renommierte Werkzeugmaschinenfabrik Collet & Engelhardt, deren Inhaber zu den Gründern der GBO gehörten, in einen nationalsozialistischen Vorzeigebetrieb verwandelt. In der Kantine des fast 1000 Mitarbeiter zählenden Unternehmens Collet & Engelhardt  hing an der Stirnseite ein großes Hakenkreuz-Transparent der NSDAP. Der völkische „Arbeiterdichter“ Heinrich Lersch („Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen!“, 1914), der NSDAP-Mitglied war, wurde im Januar 1936 zu einer Lesung vor der Belegschaft eingeladen.

GBO-Gründer teilweise NSDAP-Mitglieder

Im Oktober 1938 gelobte die „Betriebsgemeinschaft“ von Collet & Engelhardt aus Anlass einer Spendenaktion für sudentendeutsche Flüchtlinge ─   die Arbeiter hatten laut des Nazi-Blattes „Offenbacher Zeitung“ auf ihren Betriebsausflug verzichtet ─   in einem Telegramm an Hitler dem „Führer und Reichskanzler unverbrüchliche Treue“ und sagte eine Spende von 10 000 Mark zu.

Während der gesamten Nazi-Zeit blieben Vertreter von Collet & Engelhardt im Aufsichtsrat der GBO, ebenso wie führende Leute weiterer Großbetriebe, die das Nazi-Regime auf je eigene Weise stützten.

So zählte Collet & Engelhardt zu jenen Firmen, die während des Zweiten Weltkriegs die meisten Zwangsarbeiter beschäftigten: Im Jahr 1943 waren es 304 Personen. In der Maschinenfabrik Hartmann AG, dessen Vertreter ebenfalls zu den GBO-Gründern gehörte, waren 117 Zwangsarbeiter tätig. Die Firma Gebr. Heyne beschäftigte in jenem Jahr 234 Zwangsarbeiter. Drei Mitglieder der Heyne-Familie zählten zu den Gründern der GBO. In der Nazi-Zeit traten mehrere Familienangehörige der NSDAP bei, wenngleich erst spät, um 1940, so auch Julius Heyne, Mitgründer der GBO. Während der sogenannten Entnazifizierung stufte man ihn nach Ende des Dritten Reichs in die „Gruppe IV“ ein: „Mitläufer“.  

Zeichen gegen die Nazis?

Ob es im verbliebenen Kreis der GBO-Gründer gegen die Nazis gerichtete Einstellungen gab, ist nach der gegenwärtigen Quellenlage kaum festzustellen. Aufmerken lässt jedoch eine handschriftliche Notiz, die sich auf einem Brief der „Gesellschaft zur Förderung des Instituts für Weltwirtschaft“ findet. Da heißt es: „Vorläufig ablegen (/)  Austritt erklärt 9.12.42“. Die Notiz ist auf einem Brief, den der Förderverein dem Vorstand der Hartmann AG am 1. Dezember 1942 geschickt hatte, zu lesen. Es ging um die Erhöhung des Förderbeitrags von jährlich 50 auf 100 Reichsmark. Die Hartmann AG hatte auf diese Bitte nicht geantwortet.

Was für eine Einrichtung war das in Kiel ansässige „Institut für Weltwirtschaft“? Kurz gesagt: Es war eine „Denkfabrik“ für Hitlers militärische und rassistische Eroberung des europäischen Ostens. Zu ihren eifrigsten Mitarbeitern gehörte der später unter Bundeskanzler Konrad Adenauer in der „Wiederaufbau“-Epoche sieben Jahre lang als Vertriebenenminister tätige Agrarwissenschaftler Theodor Oberländer, ein rabiater Judenfeind, der sich auf das, was wir heute „ethnische Säuberungen“ nennen, hierzulande noch in den 1950er Jahren verstand. Was die Offenbacher Firma Hartmann dazu veranlasst hat, 1942 aus dem Förderverein für dieses Institut auszutreten, ist eine offene Frage: Sollten Betriebskosten gesenkt werden? Lehnte man Hitlers kriegerische Eroberungszüge gen Osten ab? War man generell gegen die Nazis eingestellt?     

Eine Konkurrenz: „Volkswohnungen“

Die GBO war indes schon in den Anfangsjahren der Hitler-Diktatur auf dem Feld des Mietwohnungsbaus für „Minderbemittelte“ nicht konkurrenzlos. Zu den Rivalen gehörte die Kleinwohnungsbaugesellschaft „Odenwaldring“. Dieses Unternehmen wurde von der Stadtverwaltung, deren oberster Dienstherr seit 1934 der NSDAP-Oberbürgermeister Helmuth Schranz war, gefördert.

So entstanden an der Ecke Weikertsblochstraße / Sprendlinger Landstraße 1936 insgesamt 55 laut Nazi-Jargon „Volkswohnungen“ genannte Kleinstbehausungen. Weitere Bauten folgten 1938, darunter der „Milchhof“ an der Sprendlinger Landstraße und „Volkswohnungen“ in Bürgel sowie acht Einfamilienhäuser am Donauweg im Viertel „Tempelsee“. Die NS-Zeitung „Offenbacher Nachrichten“ spricht im Juni 1938 denn auch lobend davon, dass die Kleinwohnungsbaugesellschaft „Odenwaldring“ bei diesen Bauvorhaben in „engster Verbindung“ mit der Stadtverwaltung gestanden habe. 

Aus drei mach eins: Wohnungsbaugesellschaften vereinigt

Zum 1. Januar 1943 wurden die drei wichtigsten Offenbacher Gesellschaften für Mietwohnungsbau vereinigt: So verschmolz die GBO mit der Wohnungsbaugesellschaft, die sie 1929 mit der Frankfurter Baufirma Philipp Holzmann („Holzmannblock“) gegründet hatte, und mit der Kleinwohnungsbaugesellschaft „Dornbusch“, die die GBO ebenfalls 1929 zusammen mit Offenbacher Baufirmen  bildete.

Bei dieser Unternehmensvereinigung dürfte der Umstand, dass der Wohnungsbau seit Beginn des Zweiten Weltkrieg darniederlag und die Finanzmittel der jeweiligen Gesellschaft rar gewesen sein dürften, ebenso eine Rolle gespielt haben, wie der Drang der Nazi-Behörden, Befugnisse zu zentralisieren. Zum Zeitpunkt der Vereinigung verfügte die Gesellschaft über 96 Häuser mit insgesamt 769 Wohnungen und sechs Läden.  

Kriegszerstörung und demokratische Neubeginn

Die Luftangriffe der Alliierten im Zweiten Weltkrieg fügten der GBO schweren Schaden zu. Allein durch den Luftangriff am 18. März 1944 wurden in der Lilistraße und der Andréstraße 18 Häuser zerstört. Jene Häuser lagen in der Nähe des Offenbacher Hafens und wichtiger Offenbacher Großbetriebe der Metallindustrie, etwa Collet & Engelhardt. Das waren strategische Ziele für die alliierten Nazi-Gegner. Im „Holzmannblock“ an der Ecke Waldstraße und Birkenlohrstraße waren es 202 Wohnungen, die durch die Luftangriffe zerstört wurden. Von den weiteren GBO-Wohnungen wurden 250 bis zu einem Drittel beschädigt.

Doch erholte sich die GBO nach dem Zusammenbruch der Hitler-Diktatur rasch. Die Wohnungsnot war weiterhin groß, der Wille zu einem demokratischen Neubeginn gewachsen. Die GBO setzte die beschädigten Wohnungen instand, baute gar neu. Schon im Januar 1950 konnten die ersten neuen Häuser bezogen werden: 24 Wohnungen in der Dornbuschstraße 1 und 3.

23. Juni 2021