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Grafik Weihnachtskrimi "Das Geheimnis des schwarzen Hundes"
© SOH
Ein blonder, unrasierter Mann in schmutzigem Overall schwang sich im 105er-Bus auf den Sitz neben Arthur Schlander. Seine Körpermasse drückte den schmalen Arthur mit Kraft ans Fenster. Der Bus fuhr los. Der Blonde rückte noch dichter an ihn heran.

Arthur war am Friedrichsring rückwärts eingestiegen und hatte sich zu einem freien Sitz gehangelt. Bis Weihnachten waren es nur noch ein paar Tage. Ein Bild musste er endlich zu Ende malen, der Sammler hatte schon dreimal angerufen. Arthur hasste Zeitdruck. Jetzt schnell den Einkauf erledigen, einen Espresso trinken und weiter zeichnen.

Da legte der Mann im Overall den Arm über Arthurs Schultern und krallte seine Hand hinein.
„Du hast nichts gesehen, alter Mann. Gar nichts. Klar?“
„He, was wollen Sie von mir?“
„Wir verstehen uns. Gut!“
„Worum geht‘s denn? Lassen Sie mich doch los, verdammt!“

Er packte Arthur am Schal, sein Gesicht war nur noch Zentimeter von seinem entfernt. „Wenn du nichts gesehen hast, sind wir Freunde. Wenn doch, sehen wir uns wieder. Dann bist du mein Feind. Pass also auf!“ Arthur roch seinen Atem nach Rauch und Kaugummi. „Hast du das verstanden?“, brüllte ihm der Mann im Overall so laut ins Ohr, dass einige Fahrgäste zu ihnen herüber schauten. „Ich weiß, dass ich... nichts weiß“, stotterte Arthur.
„Das ist sehr gut.“

Die Türen öffneten sich, Fahrgäste stiegen aus und ein. Der Mann blickte ihn scharf an, sprang auf und drängelte sich nach draußen. Arthur sah auf seine Hände. Sie zitterten. Sein Herz raste. Was wollte dieser Kerl von ihm? Nach seiner Runde im Einkaufszentrum dachte Arthur immer noch an die seltsame Begegnung. Zurück an der Haltestelle schüttelte ihn erneut die Angst vor dem Mann. Sein Mund wurde trocken.

Alissa hatte ihre Hausaufgaben in der Gesamtschule erledigt und blickte aufs Smartphone. Sie könnte den 105er-Bus um 15.17 Uhr noch kriegen. Schnell warf sie Schal und Jacke über, brachte die Wollmütze über ihren dunkelbraunen Haaren in Position und rannte zur Haltestelle. Als Alissa in den Bus stieg, setzte sie die Kopfhörer auf und schrieb ihrer Freundin Jasmin wegen des Geschenks für Mama.

Am Europaplatz sprang ein schwarzer Hund zu den Fahrgästen. Alissa schaute auf sein kurzes, glänzendes Fell. Echt süß. Sie schrieb noch mal an Jasmin. Das Geschenk. Wieder hielt der Bus. Ringcenter. Arthur Schlander stieg ein, hangelte sich rückwärts durch und klammerte sich an einer Haltestange fest. Nach der seltsamen Begegnung wollte er lieber nahe der Tür stehen bleiben.

An der nächsten Station zerrte eine Frau im roten Mantel einen Einkaufswagen die Stufen hoch und wollte ihn in die Ecke stellen, in der der schwarze Hund saß. „Wem gehört der Hund? Mein Wagen muss da hin. He! Der Hund muss weg, ja?“

Niemand reagierte. Alissa stand auf, streichelte ihn, griff sein Halsband und flüsterte: „Komm mit mir, ist besser so“. Sie führte ihn nach hinten, wo niemand stand. „Hatte Kopfhörer auf“ sagte sie zur Frau mit dem Einkaufswagen. Die glotzte nur auf ihr Smartphone.

An der Station Friedrichsring bewegte sich Arthur rückwärts von Stange zu Stange zur Tür. Er stieg aus, als würde er eine Leiter hinab steigen, schaute über die Schulter und ging weiter. Der Hund sprang hinterher und lief draußen neben ihm her. Ein Fahrgast suchte immer noch nach Kleingeld für die Fahrkarte. Alissa griff ihren Rucksack, sprang hinaus und rannte Arthur hinterher.

„Ist das Ihr Hund? Sorry, ich wollte nicht, dass ihm etwas passiert.“

Arthur lächelte sie an. „Das ist sehr rücksichtsvoll. Ich mag Hunde sehr. Habe sie oft gezeichnet. Aber das ist nicht meiner. Gestern ist er schon mit mir diese Strecke gefahren und ist auch hier ausgestiegen. Ich weiß nicht, wem er gehört.“ Der schwarze Hund umrundete die beiden, trabte in den Park und verschwand.

Da fing Arthur an zu zittern, er schwankte. Alissa hielt ihn am Arm.„Was ist? Sind sie krank?“ Er schüttelt den Kopf und atmete aus. „Ich weiß auch nicht. Mir war schwarz vor den Augen.“ „Soll ich Sie nach Hause bringen?
Arthur nickte. „Ist gleich da vorne.“

Die beiden gingen langsam zu seiner Wohnung in einem alten Fabrikgebäude aus Backstein. Die Treppen knarrten, er hielt sich an der Tür fest, schloss auf und warf seinen Mantel über die Garderobe. „Vielen, vielen Dank. Ich heiße Arthur. Arthur Schlander. Darf ich Sie auf einen Tee einladen?“ Alissa überlegte eine Sekunde. „Ach, wieso nicht? Ich heiße Alissa.“

Sie folgte ihm in die Wohnung. Überall Bilder. Auf der Staffelei am großen Fenster eine abstrakte, halbfertige Farbkomposition.
„Sind Sie Maler?“
„Seit 50 Jahren.“
„Wow.“

Arthur zeigte auf die Staffelei. „Das ist eine Auftragsarbeit. Muss bis Weihnachten fertig werden. Und jetzt so was. Herrjeh! Aber setzen Sie sich doch. Ich mache uns Tee.“

„Geht‘s wieder?“
„Es muss.“

Alissa stand auf. „Ist besser, wenn Sie auf dem Sofa bleiben. Ich mach' das schon.“ Arthur Schlander schnaufte. „Die Teekanne steht gleich neben dem Wasserkocher. Tee ist auch da. Tut mir leid.“

Der heiße Tee beruhigte Arthur etwas. „Ich muss Ihnen etwas erzählen.“
„Sagen Sie ruhig Alissa.“
„Sehr gerne. Ich bin Arthur. Freut mich.“
Sie rückte ihre schwarze Brille zurecht. „Also?“
„Ich bin vorhin im Bus von einem irren Muskelpaket bedroht worden. Der Kerl hat gesagt, ich dürfe nichts wissen. Ich hätte nichts gesehen. Sonst würde er auf mich warten. Ich bin 69 Jahre alt. Ich muss malen. Und jetzt sitze ich hier. Ich zittere. Mein Kreislauf. “
„Was haben Sie denn - nicht gesehen?“

Arthur schlang seine Arme um die Brust. „Am Montag war ich vorne am Kiosk, um meine Zeitung zu kaufen. Da ist ein teurer Geländewagen von der Waldstraße rechts in den Hessenring rein gebrettert. Der war viel zu schnell. Eine junge Frau ging über die Fahrbahn, die hatte ja grün. Der hat sie übel erwischt.“ Arthur schluckte. „Der Fahrer des Geländewagens hat Gas gegeben und ist abgehauen.“

„Verdammt. Und die Frau?“
„Adnan, der Besitzer vom Kiosk, hat den Notarztwagen gerufen, ein paar Leute an der Haltestelle haben geholfen. “
„Und deswegen hat der Typ dich - bedroht?“
„Ich weiß es nicht! Keine Ahnung! Vielleicht war‘s nur irgend ein Spinner! Aber ich gehe draußen ja rückwärts, und deswegen habe ich den Wagen gesehen. Das Kennzeichen. Den Fahrer hinter der dunklen Scheibe. Der muss mich auch gesehen haben. Will der mich einschüchtern? Hat gut funktioniert.“

Alissa nahm ihre Brille ab und rieb sich die Augen.„Gehst du immer rückwärts?“
„Ja, seit ein paar Jahren. Ich gehe so nicht dem Unglück entgegen. Und ich kann zusehen, wie beim Gehen die Zeit vergeht. Mit jeder Sekunde verändert sich die Umgebung.“
„Warum machst du das?“
„Ach, das ist eine lange Geschichte. Aber deswegen habe ich den Wagen genau gesehen. Leider.“

„Der Fahrer muss dich kennen.“
Arthur Schlander blickte sie hilflos an. Alissa schaute nach draußen. Die Laternen hatten den Kampf gegen den Nebel und die Dunkelheit fast verloren. „Und jetzt?“
„Ich werde an meinem Bild arbeiten und das alles am besten vergessen.“
Alissa setze ihre Strickmütze auf. „Ich muss jetzt gehen. Komme sonst zu spät nach Hause.“
„Ich bringe dich zum Bus.“
„Danke, aber...“
„Mir geht‘s wieder besser. Keine Widerrede. Ich komme mit.“

Alissa stieg in den Bus und hob zum Abschied die Hand. Auf dem Rückweg erblickte Arthur einen metallicfarbenen Geländewagen, der zu schnell um die Kurve zog. Es war das Auto vom Montag. Er erkannte den Fahrer. Arthur sah ihm nach. Ihm wurde eiskalt.

Fortsetzung folgt am Donnerstag, 7.Dezember 2017.