Sprungmarken
Aktuelles Wetter:wolkenlos14°C
Suche
Suche

Grafik Weihnachtskrimi "Das Geheimnis des schwarzen Hundes"
© SOH
Arthur hatte in der Nacht kaum geschlafen. Und wenn er doch eindöste, rief in seinen Träumen der blonde Mann im Bus: "Du hast nichts gesehen, alter Mann!"

Schon früh stand er an der Leinwand, um an seinem Gemälde zu arbeiten. Arthur setzte einige Striche, korrigierte, warf den Pinsel zur Seite und zog seinen Mantel an. Er ging zum Kiosk an der Kreuzung und betrat den winzigen Seitenraum.

„Guten Morgen, lieber Arthur“, rief ihm der Besitzer Adnan zu, „gut geschlafen?“
„Habe kein Auge zugetan.“
„Was ist passiert?“
„Hast du am Montag den Unfall beobachtet?“

Adnan schaute ihn nicht an. „Ich hab‘ den Krankenwagen gerufen. Die Frau ist bestimmt im Krankenhaus.“
„Hast du das Auto gesehen?“
„Nein. Ich habe nichts gesehen. Nichts. Nein.“
„Ich habe übrigens auch nichts gesehen“, flüsterte Arthur und blickte ihn scharf an. „Kennst du die verletzte Frau?“
Adnan zuckte mit den Schultern. „Ab und zu hat sie hier Cola und Apfelsaft gekauft. Einmal hatte sie einen Hund dabei.“

Plötzlich stand ein Mann am Tresen. „Acht Pils, fünf Flaschen Cola und zwei Sprite.“ Es war der Mann aus dem Bus. Arthur drückte sich ganz nach hinten in den Seitenraum und hielt die Luft an. Während der Blonde im Overall das Geld zusammensuchte, öffnete Arthur die Seitentür und huschte nach draußen.

„Wer war das da, hm? Wie heißt der?“, fragte der Blonde.
„Nur ein Kunde. Ich kenn‘ den nicht.“
Der Mann ging einen Schritt auf ihn zu. „Bis zum nächsten Mal, mein Freund.“

Arthur hatte hinter dem Gebüsch im Park gewartet. Den Mann verfolgen? Im Rückwärtsgang? Keine Chance. Zu auffällig. Zu langsam. Er atmete durch. Also die verletzte Frau. Wer könnte sie sein? Arthur betrat die Eckkneipe, die Metzgerei, das Gemüsegeschäft, beschrieb sie, erzählte vom Unfall. Meist war ein Kopfschütteln die Antwort. Er wollte schon aufgeben, als er vor der Änderungsschneiderei stehen blieb. Eine Glocke schlug, als er die Ladentür öffnete.

„Ja, die Frau kenne ich. Was für ein Unglück! Sie lässt sich hier Hosen und Blazer ändern“, sagte die Schneiderin, die hinter einer alten Nähmaschine saß. „Sie hat mir erzählt, sie arbeitet bei einem Anwalt.“
„Wissen Sie ihren Namen? Ich muss dringend zu ihr. Es ist wichtig.“
Sie blätterte in einem Stapel Papier. „Moment. Ja, hier! Wagenhäuser heißt sie. Grüßen Sie sie von mir! Gestern war schon ein Mann hier, der hat auch nach ihr gefragt. So ein großer, starker Blonder.“

Arthur brauchte eine Sekunde, bis sich seine Erstarrung löste.
Vor der Tür sah er zur Uhr. Er würde Alissa verpassen.

Sie hatte sich durch die Deutsch-Hausaufgaben gequält, für Mathematik brauchte sie nur ein paar Minuten. Sie blickte kurz auf die Aufgabe und schrieb die Lösung hin. Keine große Sache. Den 105-er um 15.17 Uhr würde sie kriegen. Im Bus schrieb sie keine Nachrichten. Am Europaplatz sprang der Hund hinein und lief an ihr vorbei. Doch an der Haltestelle Ringcenter stieg Arthur nicht ein. Unruhig beobachtete Alissa jeden Fahrgast.

Am Friedrichsring lief der Hund hinaus, Alissa hinterher. Wo steckte Arthur? Sie wollte zu seiner Wohnung abbiegen, da hörte sie seine Stimme: „Alissa! Hier bin ich!“ Arthur saß im Wartehäuschen. Alissa atmete tief. „Ich dachte schon, der Blonde hätte dich...“

„Ich habe etwas herausgefunden: Die Frau heißt Wagenhäuser. Außerdem habe ich den Blonden vorhin am Kiosk gesehen. Der hat Adnan auch bedroht.“
„Was hast du vor?“
„In die Klinik fahren. Zu Frau Wagenhäuser. Ist ja nicht weit. Am Marktplatz müssen wir aber umsteigen.“
„Ich komme mit.“
„Bist du sicher?“
Sie setzte ihre Brille ab und sah ihn streng an. „Ich bin 17 und weiß, was ich tue. Alles klar? Ja?“

Auch an der Haltestelle am Marktplatz sprachen sie kein Wort. Schließlich hielt der Bus am Klinikum, kurz darauf betraten sie das Patientenzimmer auf der Unfallstation

„Guten Tag, mein Name ist Arthur Schlander. Das ist Alissa, äh...“
„Jovic. Alissa Jovic“, fügte sie hinzu.
Sandra Wagenhäuser lag im Bett, hatte ein Bein und einen Arm in Gips, beide Hände verbunden und einen Verband um den Kopf. Sie schaute die beiden zugleich skeptisch und neugierig an. „Ja? Bitte?“

„Ich habe den Unfall beobachtet und mich durchgefragt, bis ich ihren Namen erfahren habe. Wir wollten sehen, wie es Ihnen geht. Ob Sie Hilfe brauchen.“
Astrid Wagenhäuser lächelte müde. „Ich bin seit Montag hier. Und mein Oscar ist weg. Ich bin völlig verzweifelt. Ich muss ihn doch suchen! Aber ich kann nicht!“ Sie schluckte. Ihren Augen waren feucht.

„Wer ist Oscar?“, fragte Alissa.
„Mein Hund. Ein deutscher Terrier. Schwarz. Der arme Kerl! Hoffentlich passiert ihm nichts!“
„Haben Sie niemanden, der Ihnen hilft?“
Sie schüttelte den Kopf.

„Ich lebe erst seit einem Jahr in Offenbach. Ist nicht einfach, neue Freunde zu finden. Und jetzt kann ich nicht mal telefonieren.“ Sie hob die verbundenen Hände. „Ich habe nicht mal Nachthemden. Nichts.“

Alissa legte die Hand auf ihre Schulter. „Sagen Sie mir einfach, was Sie brauchen. Ist keine Sache.“
„Wirklich? Das würden Sie tun?“
Arthur nickte ihr zu. Sie erwiderte seinen Blick mit hellwachen und dankbaren Augen.
„Arbeiten Sie am Hessenring?“
„Ja, ich bin Anwaltsgehilfin. In der Kanzlei Rothenburg. Ich bin so froh, dass ich diese Stelle gefunden habe. Endlich in der Stadt. Da ist Leben. Nicht so wie in meinem Dorf im Westerwald. Und meinen Oscar darf ich zur Arbeit mitbringen. Das ist wie ein Sechser im Lotto!“

„War er bei ihnen, als Sie den Unfall hatten?“
Sie nickte. Tränen liefen ihr über die Wange. „Mein Oscar! Was soll ich nur machen?“
„Wir finden ihn. Vielleicht schon morgen!“

Sandra Wagenhäuser starrte Alissa an.
„Ihm geht‘s gut. Er fährt Bus. Jeden Tag steigt Oscar um 15.21 Uhr am Europaplatz ein und am Friedrichsring wieder aus.“
„Das ist unsere Strecke in die Kanzlei. Die fahren wir jeden Tag.“
„Wenn er morgen auch pünktlich ist, bringen wir ihn vorbei“, sagte Alissa.

„Erinnern Sie sich an den Unfall? An das Auto?“, fragte Arthur, kühl wie ein Detektiv. Sie schüttelte den Kopf und schwieg lange. „Nein. Ich weiß nichts mehr.“

Als sie auf der Bank hinten im Bus saßen, schaute Alissa wütend zu Arthur. „Warum hast du sie nicht gewarnt?“
„Was hilft ihr das? Sie kann ja nicht mal aufstehen. Warum soll ich ihr Angst machen? Vielleicht war der Blonde ja auch schon bei ihr. Ich fürchte, das müssen wir jetzt regeln.“
„Und wie willst du das anstellen?“
„Keine Ahnung. Es ist bald Weihnachten. Wir brauchen ein Wunder.“
„Ich glaube nicht an Wunder. Mathe und Physik, das ist mein Ding. Für alles gibt‘s eine Logik. Auch für diesen Typen, der dich bedroht.“

Arthur blickte nach draußen in die Dämmerung. Der Bus bremste. Plötzlich schrie Arthur: „Da steht der Geländewagen!“
Die Türen öffneten sich. Arthur kletterte hinaus, Alissa sprang hinterher. „Auf der Baustelle! Da drüben!“

Alissa drehte sich irritiert um und blickte zu den Baugerüsten an der Waldstraße, nur ein paar Meter vor ihnen. Da stand der schwere Geländewagen mit laufendem Motor. Seine Scheinwerfer leuchteten in die rohen Betonwände, die Lastwagen und Maschinen. An der Autotür lehnte ein Mann mit teurer Jeans, V-Pullover und Daunenjacke. Er telefonierte.

Arthur atmete tief aus und bewegte sich in seine Richtung.
„Mach keinen Blödsinn“, zischte Alissa.
„Doch, genau den mache ich jetzt.“

Er lief zum Fahrer: „Es wird Sie vielleicht nicht interessieren, aber die Frau, die sie überfahren haben, hat‘s überlebt. Sie wird wahrscheinlich wieder gesund. Entschuldigen Sie bitte die Störung.“

„Was willst du, Alter? Ich weiß nicht, wovon du redest! Du musst mich verwechseln! Hau ab, ich muss mich um meine Baustelle kümmern. Nur Idioten hier!“ Er drückte aufs Handy. „Edgar? Komm' sofort rüber. Es gibt ein Problem. Und beeil dich, Blondie!“

Alissa hatte inzwischen das Auto und das Baustellenschild mit dem Handy fotografiert. Sie zog Arthur am Ärmel und flüsterte: „Das reicht! Ich weiß, wie der Typ heißt. Weg hier!“ Zurück an der Haltestelle wischte sie übers Handy und öffnete das Foto des Baustellenschilds: HM Bauprojekte, Geschäftsführer Hendrik Meyer. „Als erstes müssen wir Oscar finden. Morgen im Bus? Selbe Uhrzeit?“

Fortsetzung folgt am Donnerstag, 14. Dezember 2017.