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Grafik Weihnachtskrimi "Das Geheimnis des schwarzen Hundes"
© SOH
Arthur stand am nächsten Morgen an der Leinwand und malte konzentriert, fast wie in Trance. Doch seine Gedanken kreisten so schnell wie die Pinselstriche.

Eine junge Frau wird überfahren, er wird bedroht, ein schwarzer Hund fährt alleine mit dem Bus. Was für eine Geschichte. Und nun würde er die Weihnachtstage allein mit seinen Bildern und Jazzplatten verbringen. Wieder setzte er den Pinsel an.

Am Mittag lief er zur Bushaltestelle. In den Schaufenstern glimmten schon die bunten Lichterketten, Tannen und Sterne. Arthur fuhr zum Ringcenter, betrachtete die weihnachtlich dekorierten Schaufenster und trank seinen Espresso. Schließlich ging er zurück zur Haltestelle, obwohl der Bus mit Alissa und Oscar erst in einer halben Stunde ankommen würde. Er setzte sich ins Wartehäuschen und schaute wieder und wieder zur Uhr. Der erste Bus fuhr vorüber, im nächsten erblickte er Alissa, kletterte hinein und sah ihre nervösen Augen.

„Oscar ist nicht eingestiegen.“
„Lass uns zur Polizei gehen. Wir zeigen den Typen jetzt an, dann klärt sich das schon auf.“
Alissa putzte ihre Brille. „Keine gute Idee. Dieser Hendrik Meyer wird behaupten, dass er auf der Baustelle war, als der Unfall passiert ist. Das werden ihm garantiert mindestens 15 Arbeiter bestätigen.“
„Na ja...“
„Wem glaubt die Polizei, hm? Einem seriösen Bauunternehmer mit vielen Zeugen oder einem Maler, der rückwärts läuft und einen Hund sucht, der alleine Bus fährt?“
Arthur schaute sie traurig an. „Lass uns umsteigen und in die Klinik fahren. Wir müssen wenigstens Frau Wagenhäuser sagen, dass Oscar weg ist.“
„Ich muss noch kurz nach Hause. Ich habe ihr ein paar Nachthemden von einer Freundin besorgt. Alles andere hat Mama für sie zusammen gesucht.“

Eine halbe Stunde später standen die beiden in Astrid Wagenhäusers Zimmer in der Klinik. Sie weinte. „Heute früh war so ein blonder Bauarbeiter hier. Der hat gedroht, ich würde Oscar nicht wiedersehen, wenn ich nicht eine Zeugenaussage mache: Dass ein weißer Lieferwagen mit Frankfurter Kennzeichen mich angefahren hätte. Jemand würde morgen ein Papier bringen. Ich müsste es nur unterschreiben, und Oscar käme zu mir zurück. Ich habe ‚ja‘ gesagt. Was soll ich denn sonst machen?“

Alissa drückte ihre Schulter und sagte: „Hier sind die Nachthemden, Mama hat Ihnen Handtücher, T-Shirts und einen Kulturbeutel eingepackt. Wenn was fehlt, bringe ich‘s vorbei. Keine Sache.“

Schweigend gingen Alissa und Arthur zurück zur Bushaltestelle.
„Wir müssen Oscar finden. Sonst ist es vorbei. Mir wird schwindlig.“
Alissa hob die Augenbrauen. „Baustelle?“
Arthur atmete tief. „Habe auch keine bessere Idee.“

Durch die Busscheibe blickten sie auf den Rohbau an der Waldstraße. Ein riesiges Areal, mit Zäunen abgesperrt, überall Arbeiter. Sie stiegen aus und beobachteten die andere Straßenseite.

„Oscar kann sonst wo sein. Ich werde ihn heute Nacht da drin suchen gehen“, flüsterte Alissa und biss sich auf den Daumen.
„Lass uns hier bleiben. Im Wartehäuschen wecken wir keinen Verdacht. Wir warten ab.“
„Gib mir deine Handynummer. Für alle Fälle.“
Arthur kramte im Mantel. „Ich benutze das Ding fast nie.“
„Gib‘ her!“ Sie rief seine Nummer auf, tippte sie ab und speicherte ihre in seinem Handy-Adressbuch.

„Nichts tun ist nicht so mein Ding, weißt du? Aber egal. Ich kann ja auch von hier den Kerzenhalter für Mama organisieren.“ Sie hielt ihr Smartphone hoch. „Der Akku ist voll, wir haben Zeit und ein Dach über dem Kopf. Alles cool.“

„Einen Kerzenhalter?“
„Ja, als Weihnachtsgeschenk. Mama liebt Kerzen. Ich wollte ihr einen Halter mit fünf langen Kerzen kaufen. Aber das wird mir echt zu teuer. Deshalb will ich einen selbst bauen. Jasmin hilft mir, die kennt sich mit so was irgendwie aus.“
„Ich arbeite auch als Bildhauer. Ich entwerfe dir einen, den sie mögen wird.“
„Echt?“ Alissa strahlte einen Moment, dann blickte sie ihn traurig an. „Ich kann dein Honorar nicht bezahlen.“
Arthur schüttelte den Kopf. „Von dir nehme ich kein Geld.“
„Weiß gar nicht, was ich sagen soll.“ Sie umarmte ihn.

„Da kommt Meyers Wagen!“
Edgar lief aus dem Rohbau. Der schwere Geländewagen parkte auf dem Radweg, Meyer stieg aus und redete auf den Arbeiter ein, sein Zeigefinger wirbelte herum. Dann drückte er ihm einen Geldschein in die Hand. Edgar lief in schnellem Schritt über die Waldstraße. „Ich check‘, wohin er geht. Pass du auf Meyer auf. Bis gleich“, raunte ihm Alissa zu und lief ihm hinterher.

Eine Viertelstunde später tauchte Edgar mit einer Tüte in der Hand wieder auf, kurz darauf stand Alissa neben ihm. „Bingo! Er hat im Supermarkt Hundefutter gekauft.“ Die beiden beobachteten, wie Meyer ihm Anweisungen gab. Edgar nickte und ging los.

„Ich bleib an ihm dran. Rückwärts hast du keine Chance. Halt dein Handy bereit. Ich meld‘ mich!“
„Ich wohne hier seit 40 Jahren. Ich kenne in der Siedlung jede Tür“, keuchte Arthur.

Edgar drehte sich um, erspähte Arthurs Rücken und Alissa im Laufschritt. Verwechslung unmöglich. Er sprintete los, Alissa hinterher. In der Wohnsiedlung schlug er einige Haken, rannte durch die Gärten und Büsche zum nächsten Block.

So schnell er konnte, lief auch Arthur hinein und blieb eine Sekunde stehen. Er ahnte, wohin Edgar wollte und steuerte ein Mietshaus an. Die Haustür war offen. Wie seit Jahren. Treppe runter, hinten raus, durch den Garten, am Müllplatz vorbei zum nächsten Haus. Dort klingelte er bei „Schneider“. Der Summer ertönte. Arthur rief ein „Nehme nur die Abkürzung, danke“ ins Treppenhaus, lief durch den Keller und auf der anderen Seite wieder hinaus.

Edgar rannte durch die Siedlung und schaute sich immer wieder um. Niemand da. Noch ein Haken. Noch einer. Ziellos irrte er über die Fußwege. Der Torbogen! Edgar erinnerte sich. Das war der richtige Weg. Arthur beobachtete ihn hinter einem Papiercontainer, nahm sein Handy und drückte auf Alissas Nummer.„Er geht jetzt durchs Tor an der Nummer 96.“
„Bin fast da!“

Als Edgar den Torbogen passierte, stellte sich Arthur ihm in den Weg. „Wo ist Oscar?“
„Oscar? Kenne ich nicht. Mach`, dass du wegkommst. Sonst passiert was, Alter!“
„Was passiert dann, hm?“ Alissa stand hinter ihm und hatte die Fäuste in der Jackentasche geballt.

„Der schwarze Hund. Wo hast du ihn versteckt?“, schrie Arthur.
„Weiß nicht.“
„Ich bin doch der, der nichts weiß“, knurrte Arthur, „also wo?“
„Mein Chef bringt mich um!“
„Meyer?“ fragte Alissa.
„Leider.“

Arthur stemmte die Hände in die Hüften. „Hat Meyer etwa hier einen Kleingarten?“
„Nein, aber der Vater von einem unserer Maurer.“
„Welcher Garten ist das?“
„Geht dich nichts an, mein Freund.“
„Sieh es mal so: Ist doch nicht dein Problem, wenn ein Hund aus dem Versteck abhaut, das dein Chef ausgesucht hat. Damit hast du nichts zu tun. Und du bist uns los.“

Edgar blickte in die Wolkendecke. „Nummer 116. Da hinten irgendwo.“ Er drehte sich um und ging.
„He, und das Hundefutter? Was soll Oscar fressen, hm?“
„Mir doch egal.“

Arhur und Alissa liefen zur Kleingartenanlage. Es war schon fast dunkel, Alissa schaltete die Handy-Taschenlampe ein. Das Eingangstor war verschlossen. Niemand zu sehen. Sie kletterte über den Zaun und leuchtete den Weg ab. Kurz darauf stand sie wieder neben Arthur. „Die Hütte ist rundum vergittert, da hängen zwei große Schlösser an der Tür. Keine Chance.“
„Was ist mit Oscar?“
„Er ist drin, ich habe ihn gehört. Aber ich konnte ihm nicht helfen.“

Fortsetzung folgt am Donnerstag, 21.Dezember 2017.