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Grafik Weihnachtskrimi "Das Geheimnis des schwarzen Hundes"
© SOH
Morgens um halb sieben. Es war stockfinster. Arthur hatte einen Rucksack mit Werkzeug vollgepackt und holte Alissa ander Haltestelle Friedrichsring vom Bus ab.

Am Eingangstor der Kleingartenanlage zog Arthur eine Stablampe aus dem Rucksack und leuchtete den Zaun ab. Sie mussten einen Zugang finden. Alissa schaltete ihre Handy-Taschenlampe ein. Die Lichtkegel strichen über viele Meter Drahtmaschen. Sie hatten das Gelände fast umrundet, da rief Arthur: „Hier geht‘s rein!“ An einem von einer Hecke überwachsenen Teil des Zauns hatte er beim Rückwärtsgehen einen Schnitt entdeckt, der Alissa verborgen geblieben war.

Die beiden schlüpften hindurch und versuchten, sich in der Dunkelheit zu orientieren. Arthur drehte sich einmal um die eigene Achse. Er erspähte die bunten Lichterketten in den oberen Stockwerken der Siedlung. Seine Hand zeigte nach links.
„Lampe aus!“ schrie Alissa kaum hörbar.
„Was ist?“
„Da vorne ist ein Lichtschein!“, flüsterte sie.
„Oscar! Jemand will ihn holen! Wir müssen uns beeilen!“

So leise es ging, schlichen die beiden an den tanzenden Lichtkegel heran. Geräusche von Metall und krachendem Holz waren zu hören. Arthur und Alissa konnten kaum etwas erkennen. An der Hütte vor ihnen versuchte ein hagerer Mann im Kapuzenpulli, die Tür der Hütte aufzubrechen.

„Das ist nicht die Nummer 116. Der will nicht zu Oscar. Und jetzt?“, wisperte Alissa.
„Ein Profi. Perfekt! Ich überrede ihn, Oscar zu befreien.“
Alissa tippte sich an die Stirn.
„Das Risiko muss ich eingehen.“

Alissa sah ihn an und legte ihre Hand auf seinen Arm. Er schob sie weg.
„Bleib hier und warte ab, was passiert.“
Arthur schlich im Rückwärtsgang über den Rasen und drehte sich an der Hütte nach vorne. „Guten Morgen! Klemmt die Tür etwa?“

Der Einbrecher drehte seinen Kopf, der von einer Kapuze bedeckt war, sprang hoch, stürzte, rappelte sich hoch und wollte loslaufen. Alissa stellte ihm ein Bein. Er fiel mit lautem Krachen in eine Hecke.

Alissa und Arthur leuchteten mit ihren Lampen auf sein Gesicht. Ein junger Mann mit kurzen, schwarzen Haaren und Dreitagebart sah voller Angst ins grelle Licht. „Was wollt ihr?“

 „Wir brauchen deine Hilfe.“
Er schaute die beiden mit großen Augen an.
Arthurs Arme verschwanden in den Taschen seines Mantels. „Nebenan in der Hütte ist ein Hund eingesperrt. Er hat Hunger und Durst. Seine Besitzerin vermisst ihn. Er ist entführt worden.“
„Seid ihr bescheuert, ey?“
„Würden wir dir sonst beim Einbrechen zugucken?“, knurrte Alissa.
„Also gut. Aber nur, wenn ihr mich nicht verpfeift.“
„Es ist ja bald Weihnachten. Mach‘ die Schlösser auf, dann kannst du gehen.“

Der Einbrecher griff seinen Bolzenschneider und setzte ihn an den Schlössern an. Zweimal knackte es scharf und metallisch. Alissa öffnete die Tür und leuchtete in die Hütte. Zwei braune Hundeaugen sahen sie an.

„Oscar! Da bist du ja!“

Der Einbrecher zog seine Kapuze über den Kopf, fluchte und verschwand ohne Beute zwischen den Gärten. Arthur holte eine Schale aus seinem Rucksack, füllte Wasser aus der Regentonne hinein und stellte sie vor Oscar. Der trank sie leer und machte sich sofort über das Futter her, das Arthur geöffnet hatte.

In seiner Wohnung beschnupperte Oscar die Bilder und Farbtuben. Alissa betrachtete das abstrakte Bild. „Wow. Cool.“
„Ist fast fertig“, rief Arthur aus der Küche und hielt Alissa eine Tasse frisch gebrühten Kaffee hin. Sie nahm einen großen Schluck und kraulte Oscar den Rücken.
„Bringen wir ihn jetzt zu Frau Wagenhäuser?“, fragte sie in die Küche.
„Das Frühstück ist gleich fertig. Danach fahren wir los.“ Arthur stellte ein Tablett auf den Tisch.
Alissa drehte den Kopf weg. „Wir müssen schneller als dieser Bote sein.“
„Sind wir. Lass es dir schmecken.“

Alissa biss in ein Marmeladenbrötchen. „Oh verdammt!“
„Was ist?“
„Hunde dürfen doch nicht ins Krankenhaus.“
„Hm. Nicht?“, fragte Arthur irritiert, „ich habe keinen Hund und war nie im Krankenhaus. Wenn du das sagst.“

Die beiden bissen in ihre Brötchen und dachten nach.
„Ich hab's“, durchbrach Arthur ihr Schweigen, „Hundgepäck statt Handgepäck!“ Er verschwand im Zimmer nebenan, stieg auf einen Stuhl und kam mit einem verschrammten, uralten Koffer aus rissigem Leder wieder. „Da legen wir eine Decke hinein. Oscar am Krankenhaus-Eingang rein, Deckel zu und ab ins Zimmer. Handgepäck. Merkt niemand.“

Arthur legte die Decke, die auf dem Sofa lag, in den Koffer, holte ein Stück Wurst aus dem Kühlschrank und legte sie dazu, Oscar roch sie sofort, stürmte in den Koffer, verschlang die Beute und rollte sich auf der Decke zusammen.

„Könnte klappen“, rief Alissa mit geballter Faust. Sie ließ die Fingerspitzen in den Taschen ihrer  Jeans verschwinden. „Oscar muss da drin aber Luft kriegen.“

„Kriegt er“, murmelte Arthur, „kriegt er“. Er holte eine große Schere, setzt sie an einem Riss im hellbraunen Leder an und schnitt einen langen, schmalen Streifen heraus. Arthur ließ seinen Zeigefinger darin verschwinden und nickte. „Den Koffer befestigen wir auf dem Gestell meines Einkaufswagens und ziehen ihn hinter uns her. Habe nur keine Leine. Aber ein Stück Schnur mit einer Schlaufe dran tut's auch. “

„Hoffentlich sind wir nicht zu spät!“

Kurz darauf stiegen die drei in den 105er Bus. Einige Fahrgäste musterten sie skeptisch: Ein rückwärts gehender Mann im Wollmantel mit einem verkratzten, riesigen Koffer, eine junge Frau mit Hund an einer Paketkordel und einem Einkaufswagengestell.

Kurz vor der Klinik fütterten sie Oscar im Koffer, schlossen den Deckel und befestigten ihn auf dem Fahrgestell. Am Eingang interessierte sich niemand für sie. Nur auf der Unfallstation stellte sich eine Schwester den beiden misstrauisch in den Weg. „Wir bringen Nachthemden und Kleider für Frau Wagenhäuser“, flötete Alissa und öffnete die Zimmertür.

Sandra Wagenhäuser schaute sie irritiert und neugierig an. Arthur öffnete den Koffer. Oscar war mit einem Satz bei ihr, er hüpfte vor Freude auf und ab. Sandra Wagenhäuser herzte und streichelte ihn, so gut sie es mit den Verbänden konnte. Dabei liefen Tränen über ihre Wangen.

Arthur setzte sich auf den einzigen Stuhl und betrachtete die beiden. „War dieser Kerl mit der Zeugenaussage schon da?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Wenn er kommt, schicken Sie ihn weg. Wir gehen nachher zur Polizei und zeigen den Mann an, der Sie angefahren hat. Wenn jeder erzählt, was er weiß, hat der keine Ausrede mehr.“
Sie rieb die Augen und nickte.

„Was machen wir jetzt mit Oscar? Er darf nicht hier sein. Wenn eine Schwester kommt, gibt‘s echt Ärger“, sagte Alissa leise und warf einen Blick über den Flur.
„Rufen Sie in der Kanzlei an. Meine Kollegin Susanne ist samstags da. Sie wird ihn nehmen, bis ich aus dem Krankenhaus komme. Ich danke Ihnen so. Für alles. Das ist - ein Wunder...!“
Alissa hatte schon ihr Handy in der Hand. „Arthur bringt ihn hin. Haben Sie die Nummer?“

Die beiden rollten den Koffer mit Oscar wieder zum Aufzug. Im Erdgeschoss lief Arthur rückwärts zum Ausgang. Die große Glastür öffnete sich, Arthur ging hinaus, atmete durch, ging einige Meter und ließ den Hund aus dem Koffer. Nach einer langsamen Körperdrehung lief er in Richtung Haltestelle.

„Arthur? Hey! Du gehst vorwärts!“
Er blieb stehen. „Im Jahr 1995 ist mir auf der Autobahn ein Geisterfahrer in meinen Wagen gerast. Habe ein halbes Jahr im Krankenhaus verbracht. Seitdem fahre ich Bus anstatt Auto. Und ich bin seit damals rückwärts gelaufen. Ich wollte nicht noch ein Unglück kommen sehen. Aber jetzt...“
„Was?“
„Ich habe dich kennen gelernt. Oscar. Frau Wagenhäuser. Es ist gut, was auf mich zukommt.“Alissa strich über seine Schulter.

Den restlichen Vormittag verbrachten sie auf dem Polizeirevier. Auf der Rückfahrt im Bus fragte sie: „Was machst du an Heiligabend?“
„Ich mache es mir gemütlich und höre Jazz.“
„Allein?“
Er zuckte mit den Schultern.
„Du kommst zu uns. An Weihnachten darfst du nicht allein sein. Bitte!“
„Das ist lieb von dir. Aber ich habe noch etwas vor. An Heiligabend werde ich Frau Wagenhäuser besuchen. Sie ist doch ganz allein.“
„Weihnachten hat drei Tage, oder? An einem kommst du zu uns. Keine Widerrede.“
Arthur lächelte. „Ruf‘ mich an wegen deinem Kerzenhalter.“ 

Am Friedrichsring stieg er mit Oscar aus und wartete. Als der Bus die Türen schloss, hob Alissa die Hand. Arthur sah zu ihr und winkte, bis das Motorengeräusch nicht mehr zu hören war.