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Kanalkontrolle: Ein stadtservice-Mitarbeiter steigt in den Kanal.
© Monika Müller
Wenn Melanie Gessner erzählt, sie habe mal wieder ihren Arbeitstag mit Videos gucken verbracht, sollte sich der Neid der übrigen arbeitenden Bevölkerung in Grenzen halten. Denn was die Leiterin der Abteilung Entwässerung der Stadtwerke Offenbach dann zu sehen bekommt, ist eine Kamerafahrt durch die Offenbacher Kanalrohre mit entsprechenden Abwässern, gerne auch mal 70 Kilometer am Stück.

Die Abteilung Entwässerung aus dem Geschäftsfeld Stadtservice ist unter anderem auch für die Instandhaltung des 280 Kilometer langen städtischen Abwassernetzes zuständig. Dazu gehört die Erfüllung der vom Land Hessen gestellten Auflage, die Rohre und Schächte regelmäßig zu überprüfen. Denn ein Rohrbruch im Boden kann massive Auswirkungen auf die Oberfläche haben: Wasserrohrbrüche oder sogar Straßeneinbrüche, ein durch Erdeinspülung oder - wegen Klopapiermangels im Corona-Lockdown - mit Küchenrollenpapier verstopftes Rohr kann den Kanal zum Überlaufen bringen.

Enge Kanale werden mit Kamerawagen überprüft

In den rund 6500 Schächten im Stadtgebiet und den großen Rohren mit zwei Meter Durchmesser ist die regelmäßige Kontrolle einfach: Die Mitarbeiter passen problemlos in die Einstiege und können von dort aus sehen, ob die Wände intakt sind. In den großen Rohren laufen sie mit Wathosen und Lampen durch Offenbachs Unterwelt und schauen nach Schwachstellen im Rohrsystem. In den kleineren Abflussrohren, durch die kein Mensch passt, kommt ein kleiner Kamerawagen zum Einsatz. Der wird an einem Schachteinlass heruntergesetzt, von oben aus einem TV-Fahrzeug gesteuert und zeichnet auf, was das Objektiv sieht. Mit dieser Kanalbefahrung ist ein Unternehmen beauftragt.

Der Mitarbeiter an der Kamera dokumentiert dann zwar schon während der Aufzeichnung digital, was er an Auffälligkeiten sieht. Ist ein Abschnitt stark geschädigt, muss zur Beurteilung, was dort wie repariert wird, einer der Ingenieurinnen oder Ingenieure aus der Stadtservice-Abteilung die gesamte Fahrt noch einmal anschauen. Wenn sie davon erzählen, hört es sich nicht so an, als wären die Aufzeichnungen beinharte Konkurrenz für die Netflix-Angebote.

Schäden, Risse oder Einwüchse sind die Hauptdarsteller im Video

„Ab und zu macht sich eine Ratte einen Spaß daraus, auf dem Wagen mitzufahren und schaut dann von oben in die Kamera“, erzählt Melanie Gessner von den kleinen Highlights solcher Film-Nachmittage. Das passiert aber nur alle paar Monate mal. Alligatoren, die laut gern erzählter Wandersage als niedliche Jungtiere gekauft, wegen zu starkem Wachstum vom Besitzer ins Klo entsorgt wurden und jetzt unterirdisch zu gigantischen Exemplaren heranwachsen, hat jedenfalls noch kein Offenbacher Kanalarbeiter im Abwassersystem gesehen. Immerhin: Frühere Kollegen wissen noch von einem kleinen Moped zu berichten, das sich in einem Rohr mal quergelegt hatte und von dem nicht wirklich klar war, wie es dort unten hineingeraten ist.

Ansonsten gehören Hausanschlüsse zu den Protagonisten dieser mit grell-bleichem Kunstlicht ausgeleuchteten Videos, also Rohre, die seitlich vom Haus zum Hauptkanal führen. Diese sind Privatbesitz und dürfen nicht kontrolliert werden. Die Schurken in den Filmen geben Wurzeln, die sich durch die Rohre gekämpft und Schaden angerichtet haben. Ihr Auftritt auf dem Bildschirm wird mit genauer Meterangabe im untersuchten Strang auf dem Filmmaterial dokumentiert, damit sie von oben gefunden werden. Denn solche Schäden, Risse oder Einwüchse sind die tatsächlichen Hauptdarsteller der Filme, wegen denen der gesamte Aufwand betrieben wird: Hier muss die Abteilung Entwässerung genau schauen, wie groß der Schaden ist, ob Abwasser austritt oder Regenwasser eindringt. Danach wird entschieden, ob das Rohr repariert werden kann oder ausgetauscht werden muss.

"Nicht oskar-verdächtig, aber eine große Hilfe für tägliche Arbeit"

Der Rest der Handlung in den Kanalfilmen: Abwasserbrühe und seeeeeeeehr lange Rohre. Die alten Exemplare aus den 1950er Jahren werden noch mit Muffen zusammengehalten. An diesen alle zwei bis drei Meter eingebauten Verbindungsstücken macht die Kamera dann einen Rundumschwenk, um zu zeigen, ob hier die Verbindung noch dicht ist. Das sind Abwechslungen für den Tunnelblick, aber auch noch keine Szenen, die die Mitarbeiter der Entwässerung gebannt zur Chipstüte greifen lassen. Zumal die Risse oft von Nebendarstellern begleitet werden, sogenannte Inkrustationen, also bleich-schwammige Anhaftungen an der Rohrwand, die sich aus den Abwässern zusammenbrauen und nicht so wirklich appetitlich aussehen.

„Die Filme sind vielleicht nicht oscarverdächtig, aber eine große Hilfe für unsere tägliche Arbeit“, sagt Melanie Gessner. „Natürlich kann es trotzdem noch zu Straßeneinbrüchen, etwa durch Bodenbewegungen, Rattenbauten oder Schäden an Privatkanälen, die wir nicht untersuchen dürfen, kommen. Aber die Kanalfahrten sorgen dafür, dass die Abwässer in Offenbach nahezu immer im Fluss sind.“

06. August 2020