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Auf dem abgesperrten Parkplatz des ehemaligen Clariant-Geländes und jetzigen Inno-Geländes der Stadtwerke Offenbach läuft derzeit eine Suchaktion: In den Boden an der Offenbacher Straße werden Schlitze gegraben, um die genaue Lage einer Druckleitung sowie – noch viel spannungsgeladener – einer Starkstromleitung zu bestimmen.
„Wir wissen, dass beide da sind, aber die alten Pläne sind nicht immer zuverlässig“, sagt Melanie Gessner, Abteilungsleiterin der Entwässerung des Stadtservices der Stadtwerke Offenbach. „Bevor wir hier eine Baugrube ausheben, müssen wir beide Versorgungsleitungen genau orten.“

Bohrkopf bahnt unterirdisch den Weg für die Rohre

Der Stadtservice beauftragt alle Arbeiten für den Mainauslass am Ufer in Höhe des Parkplatzes. Dies ist der Abschluss eines neuen Abwasserkanals, der bei starkem Regen den Mischwasserkanal entlastet und stark verdünntes Mischwasser direkt in den Main leitet. Was hier ab voraussichtlich März 2022 bei starkem Regen eingeleitet wird, kommt aus dem Regenüberlaufbauwerk in der Kettelerstraße. Die Überlaufschwelle ist so ausgelegt, dass das Schmutzwasser mit sehr viel Regenwasser vermischt ist, wenn es in den Main fließt.

Vorbereitend wurden bereits auf dem künftigen Baugrund Brombeerhecken gemulcht und das Gelände vermessen. Wenn die genaue Lage der beiden Altleitungen bekannt ist, geht es los: Auf dem Gelände wird eine Doppelstartgrube für einen großen Bohrkopf eingerichtet, der unterirdisch den Weg für die neuen Rohre mit einem Durchmesser von zwei Metern freiräumt. Der Kanal endet in einem Auslassbauwerk, welches in den Main reicht. Um das Auslassbauwerk zu errichten, wird eine Baugrube im Main aus Spundbohlen errichtet, die noch durch Dalben vor einem eventuellen Schiffsanprall geschützt wird.

Herausforderung aus Ingenieurssicht

Zunächst aber werden an Land vom Parkplatz aus in zwei Richtungen Rohre verlegt: Einmal über 50 Meter Distanz unter der Offenbacher Straße hindurch zum Main, zum anderen zu den 350 Meter entfernten Rohren aus der 2019 in der Kettelerstraße beendeten Kanalerneuerung. Dort wurde die Baugrube mit dem Anschlussschacht, ebenfalls auf einem Parkplatz auf dem früheren Clariant-Gelände, noch für den Anschluss offen gelassen. Auf dieser letzten, längeren Strecke wird im Rohrvortriebsverfahren mit einem ferngesteuerten Bohrkopf gearbeitet.

Die Wegführung verläuft in einem Bogen vom Main zur Kettelerstraße und birgt damit aus Ingenieurssicht eine zusätzliche Herausforderung, deren Bewältigung eher von Spezialisten gewürdigt werden kann. Vor allem bei einem engeren Kurvenradius treten auf der Kurveninnenseite sehr hohe Druckspannungen auf. „Damit Beschädigungen des Polymerbetonrohrs vermieden werden, haben wir ein Schweizer Unternehmen beauftragt“, erklärt Nils Scheffer, zuständiger Ingenieur in der Abteilung Entwässerungen. „Dieses hat ein patentiertes Verfahren entwickelt, das mithilfe einer sogenannten Hydraulischen Fuge die Vortriebskraft auch beim Pressen im Bogen gleichmäßiger auf die Auflagerfläche der Rohrstöße misst und auch verteilt.“

Maindamm muss unterquert werden - Hochwasserschutz gewährleistet

Trotzdem ist das Durchpressen die bevorzugte Variante, weil der Grundwasserstand an dieser Stelle im Vergleich zur Höhenlage des Kanals sehr hoch ist und eine offene Bauweise sehr aufwendig und teuer würde. Spätestens in Richtung Main wäre dies ohnehin unmöglich: Dort muss der Maindamm unterquert werden. Dafür werden einige der Spundbohlen im Deich etwas nach oben gezogen, um darunter das Rohr bis zur Zielgrube an den Main zu führen. „Der Hochwasserschutz ist aber zu jedem Zeitpunkt gewährleistet“, betonen Gessner und Scheffer.

Unten am Mainufer wird der Bohrkopf aus der Erde geborgen, das heißt herausgeholt. Im Main wird weitergebaut: Dort entsteht aus Spundwänden eine trapezförmige Grube, die leergepumpt und ausbetoniert wird. Hier wird das Auslassbauwerk aus Stahlbeton gebaut,  in das die Kanalrohre schließlich münden. Sichtbar ist nach Abschluss der Arbeiten aber nur ein kleiner Teil der Gesamtanlage, da diese mehrere Meter unter dem Wasserspiegel des Mains liegt.

Sowohl die Tiefe als auch die Form des Auslasses gewährleisten, dass durch das später ausströmende Wasser die Schifffahrt nicht beeinträchtigt und das Ufer nicht beschädigt wird. Die Spundwände werden nach Fertigstellung wieder gezogen.

30. Dezember 2020