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Baustelle Mainauslass
© Stadtwerke Offenbach
In Offenbachs Untergrund ist Bewegung. Unablässig frisst sich ein kolossaler Bohrer 24 Stunden an sieben Tagen die Woche durch den Boden, um das Kanalnetz zu erweitern. Was oberhalb der Erde nahe der Hauptbaugrube an der Mainstraße oder an der Kettelerstraße kurz vor dem Mainzer Ring nur als sonores Brummen zu hören ist, konnten einige Interessierte jetzt live verfolgen. Sie nahmen auf Einladung der zuständigen Abteilung Entwässerung aus dem Stadtservice der Stadtwerke Offenbach an einer Führung über die Baustellen für den neuen Mainauslass teil.

 Hier entstehen zwei der letzten Bauabschnitte des großen Sammelkanals Bieber Nord, der seit 18 Jahren durch halb Offenbach auf einer Länge von 5,7 Kilometern neu verlegt wird. Abteilungsleiterin Melanie Gessner und ihr Mitarbeiter, Bauingenieur Nils Scheffer, erklärten verständlich Zweck und Ausführung des hochkomplexen Bauprojekts, zu dem auch eine Baustelle im Main gehört.

Neun Teilnehmer und eine Teilnehmerin ließen sich zunächst an der Kettelerstraße erst anhand von Bauplänen, dann mit einem Blick von oben in die dortige Baugrube erklären, wie bei anhaltendem und starken Regen das zusätzliche Wasser über die Kanalisation abfließen soll.  „Die Baugrube ist noch offen, weil wir von der Mainstraße mit dem Bohrer kommend an das hier im vorigen Jahr verlegte Kanalstück anschließen“, erklärte Gessner. Noch rund ein halbes Jahr wird es dauern, bis der Anschluss und auch die Strecke zum Main fertig sind. Dann verläuft der neue Kanal von Bieber kommend über die Mühlheimer Straße und die Kettelerstraße bis zum Mainauslass am Ufer neben der alten Rohrbrücke. Von der Hauptbaugrube oberhalb der Mainstraße aus räumt der Bohrer den Weg für die angehängten Rohre frei.

Mainauslass hilft dabei, Überflutungen zu vermeiden

Wie zielgenau in etwa sechs Meter Tiefe gebohrt wird, erfuhren die Besucher und die Besucherin an einem Zwischenschacht auf dem Weg von der Kettelerstraße zur Mainstraße. Dort ist gegen das Grundwasser eine Spundwand in den Boden eingelassen. Zur Abdichtung wurde ein Schott aus Beton errichtet. Bis zur Ankunft des Bohrkopfes ist die Grube wieder provisorisch verfüllt. „Durch die Betonwand kommt der Bohrer spielend“, erklärte Nils Scheffer. „Aber die Spundwand aus Metall wäre für ihn ein Hindernis. Deshalb wurde mit dem Schneidgerät in die Wand ein Loch geschnitten, das der Bohrer mit zwei Zentimeter Genauigkeit im Boden trifft.“

„Erst wenn bei starkem Regen die normalen Abwasserrohre, die zur Kläranlage nach Niederrad führen, vollgelaufen sind, fällt dann das Wasser in einem Übergabebauwerke an der Kettelerstraße über eine hohe Schwelle, um dann in diesen Rohren im neuen Entlastungskanal direkt in den Main geleitet zu werden“, sagte Gessner. Überflutungen wie beim jüngsten Starkregen können dann in den meisten Fällen vermieden werden. „Das können Sie einfach so machen?“, fragten Teilnehmer. Nein, versicherten die in Anträge stellen und Genehmigungsverfahren routinierten Ingenieure, das ist aufwendig mit dem Regierungspräsidium in Darmstadt abgestimmt und von dort auch genehmigt. Und es werde deshalb genehmigt, weil das bis zur Schwelle und darüber hinaus strömende Mischwasser extrem stark verdünnt ist. „Woher wissen Sie, wie groß die Rohre sein müssen?“, wurde aus der Runde gefragt. Das sei nicht einfach, vor allem in Zeiten des Klimawandels, erklärte Gessner. Entlastungsrohre könnten nicht groß genug sein, um einen heftigen Gewitterregen aufzunehmen. Normale Abwasserrohre dagegen dürften nicht zu groß sein, damit der Inhalt nicht liegen bleibt und sich kein übler Geruch in den Wohngebieten ausbreitet.

Riesige Rohre waren beliebtes Fotomotiv

„Und was passiert mit der Baustraße zwischen Kettelerstraße und Mainstraße und dem hier aufgeschütteten Boden?“, wollten Teilnehmer während des Spaziergangs zwischen den Schauplätzen der Führung wissen. „Der Untergrund ist mit Vlies gegen die Aufschüttungen gesichert, so dass wir am Ende den Aushub sauber abtransportieren lassen können – und dann dürfen die Brombeeren wieder alles zuwachsen“, antwortete Scheffer.

Bei Ankunft an der Hauptbaugrube machte jeder Handybilder von den riesigen Rohren aus Polymerbeton. „Die Rohre haben einen Außendurchmesser von 2,40 Meter, innen sind es zwei Meter“, erklärte Melanie Gessner mit erhobener Stimme, weil hier schon der Bohrer und das Geprassel des Aushubs deutlich zu hören waren. „Jedes davon wiegt mehrere Tonnen und wird per Kran in die Baugrube gehievt. Dort werden sie an den Bohrer angehängt und durch den Boden gepresst.“ Und dann ging es in kleinen Gruppen in die gut sechs Meter tiefe Baugrube hinunter. Es war schwer, die Teilnehmer- einige davon hatten früher im Baugewerbe oder auch unter Tage gearbeitet - wieder nach oben zu lotsen: Immer wieder stellten sie interessierte Fragen und schauten in den langen erleuchteten Gang, in dem während des Besuchs etwa 20 Zentimeter des nächsten Rohrs verschwanden.

Letzte Station der Führung war die Baugrube im Main, die erst mit Spundwänden im Fluss abgegrenzt, dann mit Beton ausgegossen und schließlich leergepumpt wurde. Hier kann jetzt im Trockenen der eigentliche Mainauslass gebaut werden. Bevor hier aber bei starkem Regen Wasser austritt, werden die Spundwände wieder gezogen, so dass das Bauwerk unter Wasser ist. „Der Winkel, in dem das Wasser in den Main fließt, wurde genau berechnet, damit die Schifffahrt nicht beeinträchtigt wird“, erklärten Gessner und Scheffer.

09.07.2021