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Der Titel „Deichverteidiger“ birgt die wild-romantische Vorstellung des Menschen mit wehendem Mantel, der regennass und sturmumbraust auf der Deichkrone mit Sandsäcken gegen die Wassermassen kämpft. Tatsächlich tragen Ralf Hohs und Ronny Philipeit ihre gelb-schwarze Arbeitskleidung der Straßenbauabteilung, in der sie bei normaler Wetterlage für das Geschäftsfeld Stadtservice der Stadtwerke Offenbach Unternehmensgruppe für die Straßenunterhaltung zuständig sind. Zusätzlich haben sie jetzt im norddeutschen Hoya in der Bundesschule des Technischen Hilfswerks(THW) für zweieinhalb Tage eine Fortbildung als besagte Deichverteidiger absolviert. Dabei ging es vor allem darum, praktisch den Ernstfall zu üben.

Im Ernstfall muss jeder Griff sitzen

In Offenbach heißt das im ersten Schritt, die zwölf Tore im knapp 13 Kilometer langen Deich des Stadtgebietes mit Metallplanken und Sandsäcken zu schließen und abzusichern. „Das muss beim ersten Versuch klappen“, sagt Ralf Hohs. „Wenn das Wasser erst mal am Deich steht, können wir schon allein kräftemäßig nicht mehr 1000 nasse Sandsäcke umbauen, deshalb muss jeder Handgriff sitzen.“ Um dies zu gewährleisten, wird jährlich an zwei wechselnden Toren geübt. In dieser Woche wurden die Deichdurchgänge am Schloss und in Bürgel am Reichstag dicht gemacht. Jeweils einen halben Tag brauchen die Mitarbeiter des Stadtservices pro Deichtor, um unter normalen Bedingungen das Wasser aus dem Stadtgebiet auszusperren, kommen Eis und Schnee hinzu, kann es auch länger dauern.

Die insgesamt fünf ausgebildeten Deichverteidiger des Stadtservices schleppen bei den Übungen und auch im Ernstfall dann nicht mehr in vorderster Linie Gerät sondern koordinieren die Arbeiten und leiten die im Notfall auch freiwilligen Helfer beim effektiven Befüllen und richtigen Anordnen der Sandsäcke an. Ehrenamtliche waren aber mindestens seit 2005 – so lange arbeitet Hohs bei der SOH - noch nie im Einsatz. „Zunächst sind immer unsere 20 Kollegen aus der Abteilung Straßenbau gefragt.“

Deichverteidiger Hohs und Philipeid auf dem Maindeich.
© Monika Müller

36 Stunden Vorlauf

Rund 36 Stunden Vorlaufzeit hat der Einsatztrupp, wenn der Referenzpegel des Mains in Würzburg steigt. Alles Material zum Schließen der Deichtore ist auf dem Betriebshof des ESO Stadtservices gelagert. Die Wartung, Prüfung und das Bevorraten der Planken und Sandsäcke ist ebenfalls Aufgabe der Abteilung Straßenbau.

„Wir haben in unserer Fortbildung vor allem gelernt, wie man eine sogenannte Quellkarte richtig aufbaut“, sagt Hohs. Dabei wird ein quellenartiger Wasseraustritt aus dem Deich auf der Binnenseite mit einer Art von Sandsäcken umgebenen Becken gesichert. Doch auch wenn der Laie angesichts von klarem sprudelndem Wasser aus dem Deich schon nervös wird, besteht dann noch kein Grund, versichert Thomas Möller, Leiter der Abteilung Straßenbau und in dieser Funktion bei Hochwasser auch der kommunale Wasserwehrleiter. „Ein Deich saugt sich bei Hochwasser erst mal voll und es kann Wasser austreten. Kritisch wird es aber erst, wenn das Wasser trüb wird. Dann treten erst feinste Teilchen und anschließend gröbere Teile der Bodensubstanz aus und der Deich kann dadurch erheblich geschwächt werden.“ Dagegen muss ein zusätzlicher Wall aus Sandsäcken aufgebaut werden.

Deichbewachung ab Hochwasserstufe 3

Ab Hochwassermeldestufe 3 wird eine 24-Stunden-Deichbewachung notwendig. Dann sind im Schichtdienst rund um die Uhr entlang des Deichs im Stadtgebiet auf jeweils vier Kilometern zwei Leute mit Gummistiefeln, Handy und Taschenlampe unterwegs, die genau diesen Wasseraustritt beobachten. Für den Notfall werden in Offenbach 140.000 Säcke vorgehalten. 2400 Tonnen Sand haben darin Platz.

Wie die Säcke effektiv vor Ort befüllt werden, war ebenfalls Teil der Fortbildung zum Deichverteidiger, erzählen Hohs und Philipeit. Der notwendige Sand wird aber nicht im Stadtgebiet gelagert, sondern aus den umgebenden Kieswerken angefahren. „Der Auftrag dazu wird vom RP erteilt, das federführend im Katastrophenfall die Koordination übernimmt“, sagt Möller. Eingebunden werden dann auch als Katastrophenschutz die Feuerwehr und das Technische Hilfswerk.

In Offenbach gab es 2013 das letzte Hochwasser, bei dem in Rumpenheim das Deichtor geschlossen werden musste. Alle Tore waren zuletzt im Januar 2011 gesichert worden.

12.12.2017