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Lila Kerzen schmücken das Gräberfeld auf dem Neuen Friedhof.
Die Grabsteine waren anlässlich des Besuches der Angehörigen mit lila Kerzen geschmückt. © Stadtwerke Offenbach
Angehörige von sechs Frauen, die auf dem Feld für Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter auf dem Neuen Friedhof in Offenbach beigesetzt sind, besuchten jetzt deren Gräber und gedachten der Schicksale der Verstorbenen.

Zehn Verwandte waren auf Einladung der in Mörfelden-Walldorf ansässigen Margit-Horváth-Stiftung aus Frankreich und Norwegen angereist. Die Horvath-Stiftung arbeitet die Geschichte der Außenstelle Walldorf des Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof auf. Hier waren Ungarinnen jüdischen Glaubens unter furchtbaren Bedingungen inhaftiert und mussten Zwangsarbeit auf dem Rollfeld am Flug- und Luftschiffhafen Rhein-Main verrichten. Sechs in dem Lager umgekommene Frauen wurden in Offenbach beerdigt. An dem Gräberfeld des neuen Neuen Friedhofs wurde bereits 2017 auf Initiative der Stiftung unter Vorstandsvorsitzender Cornelia Rühlig ein Gedenkstein für die Verstorbenen niedergelegt.

Empfangen wurden die Nachkommen von in dem Lager inhaftierten Frauen von Stadtrat und Kämmerer Martin Wilhelm, zuständig auch für die Friedhöfe der Stadtwerke Offenbach, Christian Loose, dem stellvertretenden Eigenbetriebsleiter der Stadt Offenbach, und Gabriele Schreiber, Leiterin der Städtischen Friedhöfe. Begleitet wurde die Gruppe auch von Mörfelden-Walldorfs Stadtverordnetenvorsteher Franz-Rudolf Urhahn.  

„Der heutige Tag ist Mahnung und Erinnerung an uns, die Werte unserer Demokratie jeden Tag zu würdigen und zu verteidigen. Gerade in Offenbach, einer Stadt der Vielfalt und Toleranz, dürfen wir nicht zulassen, dass Menschen ausgegrenzt, beschimpft, angegriffen oder diskriminiert werden“, sagte Offenbachs Stadtrat Wilhelm zu den Gästen. „Wir müssen uns dafür einsetzen, dass in unserer Gesellschaft Hetze und Diskriminierung keinen Platz haben. Nur wenn wir alle unseren eigenen Beitrag zu einer toleranten, demokratischen und offenen Gesellschaft leisten, kann unsere Stadt funktionieren.“ Er sage dies nicht nur in seiner Funktion als Sozialdezernent, betonte Wilhelm, sondern auch als Privatmann, der sich für ein friedliches Miteinander einsetze. Er bedankte sich bei den Besucherinnen und Besuchern, dass sie nach Offenbach gekommen waren, „auch wenn es für die direkten Nachkommen sicher schwer ist, die Gräber Ihrer Lieben zu besuchen“, schloss Wilhelm. Gabriele Schreiber erläuterte, dass auf dem Grabfeld auch in den Offenbacher Industrieunternehmen zur Zwangsarbeit eingesetzte Menschen bestattet wurden. „Als die Horváth-Stiftung mit uns Kontakt aufnahm und einen Gedenkstein hier niederlegen wollte, haben wir dies gerne möglich gemacht und unterstützt“, erzählte sie.

Es sei gut, dass es in Offenbach ein Platz zum Erinnern an die in Walldorf umgekommen oder getöteten Frauen gebe, sagt Mörfeldens Stadtverordnetenvorsteher Franz-Rudolf Urhahn. Von dem Programm IKARus (Informations- und Kompetenzzentrum Ausstiegshilfen Rechtsextremismus), das Personen der rechten Szene in Hessen dauerhaft aus der Szene hilft, berichtete Kriminalhauptkommissar Gerd Ochs, IKARus-Regionalstelle Osthessen. Der Gedenkstein sei ebenso wie das Horváth-Zentrum in Walldorf einerseits ein Ort der Traurigkeit, andererseits aber vor allem auch ein Ort der Hoffnung dafür, dass sich junge Menschen mit unserer Geschichte und den Schicksalen der hier bestatteten Zwangsarbeiterinnen beschäftigen. Dies hatte im Jahr 2017 ein junger Steinmetz während eines Praktikums bei der Horváth-Stiftung getan und daraufhin den Gedenkstein angefertigt.

Die Besucherinnen und Besucher waren tief bewegt von dem Gräberfeld, auf dem insgesamt 89 Grabplatten auch für die während der Zwangsarbeit in Offenbach umgekommenen Menschen niedergelegt sind.  Auf dem mit Kerzen für jedes Grab sowie einem Blumengesteck der Stadtwerke Offenbach geschmückten Feld sprach auch Anton Antoniadi als Vertreter der jüdischen Gemeinde das Totengebet.

Cornelia Rühlig recherchiert mit ihrem Stiftungs-Team die Biografien der Frauen, die in der KZ-Außenstelle Waldorf inhaftiert waren und berichtete den Angehörigen von den Schicksalen der sechs in Offenbach beigesetzten Frauen. Sie wurden entweder zu Tode geprügelt, erschossen oder starben infolge der Haftbedingungen. Da die Bevölkerung in Walldorf die Todesfälle nicht bemerken sollten, wurden die Leichname nach Offenbach gebracht. Die Horváth-Stiftung sucht weltweit nach Angehörigen der Walldorfer Zwangsarbeiterinnen. Zu einigen besteht inzwischen reger Kontakt, alle waren jetzt eingeladen, die Gräber und den Gedenkstein zu besuchen.

18. Oktober 2021