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Kanal aus Klinkersteinen
© SOH
Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts war Kanalbau noch ein Geschäft, das zum größten Teil bei Tageslicht erledigt wurde. Wo heute teilweise unterirdisch mit Vortriebstechnik Rohre etwa unter der Mühlheimer Straße oder der Kettelerstraße mithilfe großer Bohrer durch den Boden gepresst werden, waren Kanäle damals noch Handarbeit und werden heute noch genutzt.

„Es gibt keine Notwendigkeit, diese handgemauerten Abschnitte zu erneuern“, sagt Melanie Gessner, Leiterin der Abteilung Entwässerung des Stadtservices der Stadtwerke Offenbach, „die halten besser als jedes Betonrohr.“ Die meisten Hauptkanalstränge in Offenbachs Untergrund aus den 1920er Jahren oder früher sind so gebaut. Jetzt stand eine große Begehung der Abteilung Entwässerung in dem Abwasserkanal unter der Mainstraße aus dem Jahr 1914 an.

Regenwasserauslasskanal soll wieder in Betrieb genommen werden

Der Abschnitt führt unter der gesamten Mainstraße bis zur Carl-Ulrich-Brücke mit einem Durchmesser von 1,50 Meter bis 2,40 Metern. Auch dieser Abwasserkanal wurde beim Bau in der ausgeschachteten Straße mit Holz abgestützt und dann aus Klinkersteinen gemauert. Als Fundament wurden Eichenpfähle in den Boden gerammt. Sie lagern im Erdreich unter Sauerstoffausschluss, modern deshalb nicht und halten ewig. Auf ihnen wurde mit Klinkermauerwerk und Beton aufgebaut.

Ziel der jüngsten Begehung war ein großes unterirdisches Bauwerk an der Ecke Mainstraße/Speyerstraße, von dem das Abwasser in Richtung Speyerstraße/Bernardstraße weiter in Richtung Strahlenberger Straße und von dort nach Niederrad in die Kläranlage fließt. Hier befindet sich auch ein ehemaliger, ebenfalls handgemauerter Regenwasserauslasskanal, der mit Genehmigung des Regierungspräsidiums wieder in Betrieb genommen werden soll. Deshalb wurde er nun von einem größeren Team der Entwässerung auf vorher notwendige Arbeiten untersucht.

Jährliche Begehung

Routinemäßig wird der Kanal wie die anderen Hauptstränge auch jährlich begangen, dann allerdings nur von zwei Kolleginnen oder Kollegen, die sich gegenseitig sichern. Sie entfernen dabei auch am Boden liegenden Unrat, an dem sich Feststoffe anlagern und einen Rückstau verursachen können. Ausgerüstet sind sie mit einem Gaswarngerät.

„Unsere ersten Messgeräte waren auf den Sauerstoffgehalt der Kanalluft ausgelegt und warnten vor einer möglichen Explosionsgefahr“, erzählt Achim Langer, Mitarbeiter aus der Entwässerung und schon seit bald 40 Jahren dabei. „Gefährlich sind aber vor allem die Faulgase am Boden, die beim Laufen aufgewirbelt werden. Wenn sich jemand bückt, um Abfall aufzuheben und die einatmet, kann er ohnmächtig werden – genauso wie der Kollege, der sich herunterbeugt, um zu helfen.“

Vor allem aber wird bei den jährlichen Begehungen auf Schäden in den Kanälen geachtet. In die Seitenwände der Bauwerke aus dem vorigen Jahrhundert wurden damals rechts und links schmale Absätze eingearbeitet, intern „Rattenrennbahn“ genannt. Auf ihnen konnten die Kanalarbeiter einen Wagen vor sich herschieben. Darin wurde zum einen das Arbeitsgerät für Reparaturen transportiert, zum anderen wurde darin aber der Dreck gesammelt und am nächsten Schachteinstieg entsorgt. Heute werden die meisten Reinigungsarbeiten mit einem großen Spülfahrzeug und nicht mehr von Hand erledigt.

Kanalbefahrung mit dem Boot in den 80ern

Während die handgearbeiteten Mauern nach wie vor in gutem Zustand sind, musste in den achtziger Jahren auf einer langen Strecke die stark angegriffene Betondecke aufwändig saniert werden. Dabei kam es auch zu einer unterirdischen Kanal-Bootsfahrt. Was nach einer Idee klingt, die nach einer besonders ausgelassenen Betriebsfeier umgesetzt wurde, hatte einen praktischen Hintergrund: Das eigens für diese Fahrt konstruierte Floß und ein Schlauchboot dienten tatsächlich als Transportmittel für eine größere Gruppe von Mitarbeitern und Führungskräften des damaligen Tiefbauamtes, die die Schäden im Beton vorher prüfen wollten.

Während eine normale Begehung nur in kleinen Abschnitten von Einstiegsschacht zu Einstiegsschacht vorgenommen wird, sollte damals die gesamte Strecke vom Einstieg Schöne Aussicht bis zum Herrnrainweg im Kaiserlei an der Stadtgrenze besichtigt werden. Die Wasserfahrzeuge schienen da ein komfortables Fortbewegungsmittel zu sein. Nach den Erzählungen von Achim Langer war das Unternehmen aber bei der Umsetzung nicht so lustig, wie es sich anhört: Zwei Mitarbeiter mussten mit Seilen entweder ziehen, weil die Transportmittel auf dem Boden aufsetzten, oder auch bremsen. Die bisher abenteuerlichste Besichtigung von Offenbachs Unterwelt ist jedenfalls so nie wiederholt worden.

11. November 2020