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Kanalrohre beim Kanalbau in Bieber-Nord
© SOH
Feinarbeit für die Abwässer kommender Generationen: In Bieber-Nord wird der Sammelkanal im Rahmen der Erschließung des neuen Baugebietes mit einem patentierten Verfahren gebaut.

Die erste Baustelle für das neue Wohngebiet Bieber Nord geht in die Tiefe. Nicht in der Dimension von Kellern, sondern richtig tief: In knapp sechs Metern unter dem Boden haben die bis zu 70 Tonnen schweren Bagger Großes vor: Sie verlegen die großen Kanalrohre mit zwei Metern Durchmesser für den Sammelkanal, der nicht nur die Abwässer der gut 2000 künftigen Bewohner, sondern auch den Kanal des Stadtteils entlasten soll.

Zwischen dem S-Bahnhof und der Bundesstraße 448 liegen entlang der von den tiefen Spurrillen der Bagger gekennzeichneten Trasse die riesigen Rohre bereit. Die ersten der glasfaserverstärkten Kunststoffröhren sind bereits im Boden verschwunden und werden dort aller Voraussicht nach mehrere Generationen bleiben: Rund 100 Jahre soll so ein Koloss schadlos überdauern und ist damit deutlich haltbarer als die aus Beton oder Steinzeug gefertigten Alternativen. „Wenn nichts anderes als Abwasser da reinkommt, passiert denen nichts und die halten auch 200 Jahre“, ist Werner Schultheis optimistisch. Er ist Leiter der Abteilung Entwässerung in der Stadtwerke Unternehmensgruppe, die die Arbeiten beauftragt.

18 Meter Kanal entstehen pro Tag

Kanalbauarbeiten in Bieber-Nord
© SOH

Die Rohre gehören zu den besten, die derzeit auf dem Markt zu haben sind. Eine spezielle Innenbeschichtung verhindert, dass sich Feststoffe ansetzen, die den Abfluss der Abwässer aus den künftigen Bädern, Küchen und Kanaleinläufen des Neubaugebietes verhindern. Damit alles im Fluss bleibt, muss ein Kanalrohr richtig dimensioniert sein: Ist es zu klein, gibt es eine Überschwemmung, weil die Abwässer aus den Abdeckungen des Kanals (Gullydeckel sagt der Normalbürger) austreten, ist es zu groß, fließt das Wasser nicht weiter und das Zeugs, was eigentlich möglichst schnell in die Kläranlage nach Frankfurt geleitet werden soll, bleibt unter der Erde im Rohr liegen. Etwa 0,5 Meter Fließgeschwindigkeit pro Sekunde ist nötig, um die Pampe aus den Abwässern zuverlässig wegzuspülen.

Wenn die aktuellen Bauarbeiten nicht von Nässe und Frost ausgebremst werden, geht die Verlegung in beeindruckendem Tempo voran. Drei Rohre pro Tag, das sind rund 18 Meter der insgesamt knapp 500 Meter langen Strecke zwischen Bundesstraße und S-Bahn-Gleisen, schafft das dreiköpfige Team der vom Geschäftsfeld Stadtservice der Stadtwerke Unternehmensgruppe beauftragten Baufirma. Normalerweise macht ein ganzer Bautrupp etwa sechs Meter Strecke bei Kanalarbeiten gut.

Minimalinvasives Verfahren

Der rasante Fortschritt ist nicht das Wunder von Bieber, sondern ein patentiertes, minimalinvasiv genanntes Verfahren: Statt eine richtige offene Baugrube auszuheben, in der die Arbeiter neben den Rohren herlaufen und sie in die richtige Position bringen, hebt der Bagger mit einem speziellen, elektronisch gesteuerten Schild und von Lasertechnik unterstützt gerade etwas mehr Boden aus, als die Rohre Platz brauchen, erklärt Melanie Gessner, Ingenieurin aus der Abteilung Entwässerung der Stadtwerke Unternehmensgruppe. Die Grube muss nicht lange gesichert werden, es fällt weniger Aushub an und damit entstehen im Normalfall weniger, im Glücksfall Bieber gar keine Deponiekosten. Denn was sich hier ansammelt, wird ein paar Meter weiter in Richtung B448 gefahren und dort für den Bau der Lärmschutzwand für das neue Wohngebiet verwendet.

Das Verfahren kann allerdings nur dort angewandt werden, wo noch nicht ein Wirrwarr an Kabeln, Leitungen und Rohren im Boden verbaut wurde. Die Strecke für den Sammelkanal war früher Ackerland, entsprechend ist der Boden frei von Infrastruktur. Das wird sich allerdings bald ändern: Voraussichtlich Anfang Juli sind die Rohre verlegt und in einer selbstverdichtenden Bodenschicht eingebettet. Darüber werden dann alle Versorgungsleitungen und –kabel verlegt, die die künftigen Bewohner von Bieber Nord brauchen. Außerdem werden nach und nach die kleineren Kanalrohre aus der neuen Bebauung an den Sammelkanal angeschlossen.

Unterirdisches Arbeiten am S-Bahnhof Bieber

Voraussichtlich kommende Woche pausiert die Verlegung auf der freien Fläche und es wird am S-Bahnhof-Bieber weitergearbeitet. Der Anschluss an das bestehende Kanalnetz auf der anderen Seite der Gleise ist dabei eine besondere Herausforderung. Für die unterirdischen Arbeiten wird das Verfahren angewendet, mit dem bereits bei der Kanal auf der Mühlheimer Straße erneuert wurde: Per Vortriebstechnik schafft ein Bohrer in der Tiefe Platz für die Rohre. Läuft alles glatt, dauert der eigentliche Durchstich Anfang Mai etwa zwei Tage rund um die Uhr. Damit in dieser Zeit der S-Bahn-Verkehr ein paar Meter weiter oben ungehindert fahren kann, werden entlang des Bahnhofs 140 Messpunkte angebracht, die aufzeichnen, ob sich die Erschütterungen durch die Arbeiten auf die Gleise übertragen.

Insgesamt kosten die Kanalarbeiten für das neue Wohngebiet in Bieber Nord rund 5,8 Millionen Euro.

18. April 2018

Kanalrohre beim Kanalbau in Bieber-Nord SOH
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