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29. September 2004: Auf einem Gartengrundstück in Badeborn bei Quedlinburg (Sachsen-Anhalt) wurde eine historische Bleiplombe zur Siegelung von Warentransporten gefunden, welche den Schriftzug „Offenbach“ trägt. Stilistische Merkmale der Bleiplombe, vor allem deren Schmuckformen, erlauben eine Datierung in die 1820/30er Jahre.

Für andere Orte und Staaten sind Vergleichsbeispiele aus dem 18./19. Jahrhundert bekannt, bislang lag jedoch kein Exemplar aus Offenbach vor. Die Seltenheit der erhaltenen Stücke erklärt sich aus dem Umstand, dass solche Bleiplomben beim Auspacken der Warenlieferungen am Ankunftsort weggeworfen wurden und nur durch besonderen Zufall erhalten blieben.

Den Findern, Kurt und Edith Hühnerbein aus Badeborn, war zunächst die Bedeutung des Fundes unklar. Sie teilen mit: „Nachdem die Scheibe gesäubert wurde, kamen einige Buchstaben und ein Bär oder Löwe mit Schwert zum Vorschein. Dann haben wir an den Seiten Durchgangslöcher entdeckt. Aus den Buchstaben konnten wir das Wort Offenbach herauslesen.“

Das Offenbacher Haus der Stadtgeschichte war für den Sohn des Ehepaares die erste Anlaufstelle, um das rare Fundstück identifizieren zu lassen. Dort wurde der Löwe mit Schwert als Hoheitszeichen des Großherzogtums Hessen-Darmstadt erkannt, dem Offenbach seit dem Jahr 1816 als bedeutende Gewerbestadt angehörte. Die drei „Durchgangslöcher“ waren für längst vergangene Halteschnürchen bestimmt, die in der Warenplombe gebündelt zusammenliefen.

Die mutmaßliche Entstehungszeit der Warenplombe fällt in eine wichtige Epoche der Offenbacher Wirtschaftsgeschichte: In der Biedermeierzeit reichten Offenbachs Handelswege weit. Das Königreich Preußen hatte am 14. Februar 1828 mit dem Großherzogtum Hessen einen Zollvertrag geschlossen, womit die Warenströme die Freie Stadt Frankfurt abseits liegen ließen. Es sind dies jene Jahre, in denen Offenbach von 1828 bis einschließlich 1835 seine eigene Messe besaß und fleißigen Handel mit Preußen trieb.

Badeborn, ein östlich von Quedlinburg gelegenes Dorf, liegt als Fundort der Warenplombe unmittelbar vor der ehemaligen preußischen Grenze, wie diese im Harz nach den Napoleonischen Kriegen gezogen worden war. Es zählte zum Herzogtum Anhalt-Bernburg, während das nahe gelegene Quedlinburg auf dem Wiener Kongress (1815) der Provinz Sachsen im Königreich Preußen zugeordnet worden war. Der Fundort nahe der damaligen preußischen Grenze unterstreicht somit die Bedeutung des Offenbacher Handelsverkehrs, nicht zuletzt mit dem Königreich Preußen, in den Jahren des preußisch-hessischen Zollvertrags.

Im Jahr 1879 erinnerte sich Emil Pirazzi, Offenbachs herausragender Stadtgeschichtsschreiber, an die damals in der Mainstadt etablierte Messe: „Die Hauptgegenstände des Offenbacher Meßverkehrs waren Leder, Leinwand, Baumwoll-, Woll- und Seidenwaaren, Eisen- und Kurzwaaren, Steingut, rohe Häute und Schafwolle.“ Welche Warenlieferung einst mit dieser Plombe versiegelt worden war, harrt der Klärung, da bislang kein Vergleichsstück bekannt ist.

Die Existenz und Zuordnung solcher Warenplomben, sowohl räumlich als auch zeitlich, ist ein weitgehend unerforschtes Feld der Wirtschaftsgeschichte:

Bekannt ist, dass Friedrich der Große nach französischem Vorbild für Preußen eine einheitliche Steuerordnung eingeführt hat. Deren Regelungen sind als Vorgänger der heutigen Mehrwertsteuer und der Finanzämter anzusehen. Ähnliche fiskalische Neuerungen wurden von anderen deutschen Staaten eingeführt. Mancherlei Waren mussten als Kennzeichen für entrichtete Steuer, aber auch als Nachweis für deren inländische Produktion, eine entsprechende Plombe tragen.

Als Hinweis auf eine Besteuerung könnte bei der jetzt aufgefundenen Warenplombe die Ziffer „I“ unter dem Hinweis auf Offenbach gelten.

Der seltene Fund wurde für das Haus der Stadtgeschichte erworben.