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12. Oktober 2011: Das Offenbacher Klinikum könnte 2015 im operativen Geschäft eine schwarze Null schreiben. Das ist das Fazit der ersten Analyseergebnisse von Franziska Mecke-Bilz. Als Vertreterin des Berliner Vivantes-Konzerns führt sie für sechs Monate die Geschäfte des Offenbacher Klinikums. Eine Reduzierung der Kosten einerseits und eine Steigerung der Erlöse andererseits könnten das wirtschaftliche Gesamtergebnis um mehr als 20 Millionen Euro verbessern. Bis dahin ist allerdings noch sehr viel zu tun. Und die Ausgangslage bleibt zunächst schwierig. In diesem Jahr droht ein Defizit von bis zu 42 Millionen Euro.

„Jeden Stein umdrehen.“ So lautet aus Sicht der Interimsführung eine entscheidende Voraussetzung für den Sanierungserfolg. Und tatsächlich geht die Analyse sehr in die Details: Thema Personal: Die Kosten sind zwischen 2008 und 2010 von 93,5 Millionen Euro auf 101,4 Millionen Euro gestiegen. Die Gesamtkosten des Klinikums schossen in diesem Zeitraum – vor allem bedingt durch den Umzug – um elf Prozent jährlich in die Höhe, während die Erlöse pro Jahr nur um 2,8 Prozent gesteigert werden konnten. Alles in allem hat das Offenbacher Klinikum zu viel Personal. In einigen Bereichen liegt die Produktivität deutlich unter dem Mittelwert vergleichbarer Krankenhäuser. Mecke-Bilz sieht ein Einsparpotenzial von rund 300 Stellen, was einem Kostenvolumen von rund 15 Millionen Euro entspricht. Bis zu 70 Vollzeitstellen sollen bis Ende des Jahres wegfallen – durch natürliches oder prämienvergünstigtes Ausscheiden. An betriebsbedingte Kündigungen ist nicht gedacht. Personalabbau bedeute keine Verschlechterung der medizinischen Versorgung, so Mecke-Bilz. Sie spricht in diesem Zusammenhang von „internem Leistungskonsum“: Manch überflüssige Untersuchung und deren Auswertung verbrauche unnötig Personalressourcen und sei ohne Qualitätseinbußen verzichtbar.

Aber es gibt Ausnahmen vom allgemeinen Einstellungsstopp: Beispielsweise wirbt das Klinikum gezielt Fachkräfte für die Intensivpflege an, um wieder mehr Patienten intensivmedizinisch versorgen zu können. Wegen Fachkräftemangel hatten zwischenzeitlich Betten nicht belegt werden können. Notfallpatienten mussten in andere Kliniken eingeliefert werden. Dem Offenbacher Klinikum gingen dadurch wichtige Einnahmen verloren.

Bei den Erlösen erkennt Mecke-Bilz aktuell einen positiven Trend. Die Belegung steigt. Die Zahl ist für eine Klinik ebenso essentiell wie der Schweregrad der behandelten Fälle. In beiden Werten blieb das Offenbacher Klinikum auch nach dem Umzug hinter den Erwartungen zurück. Aus Sicht von Mecke-Bilz ist das überraschend. Ist doch das Offenbacher Krankenhaus das einzige in der Region mit Maximalversorgung. „Eine Auslastung von 90 bis 92 Prozent wäre richtig gut. Offenbach liegt deutlich darunter“, sagt Mecke-Bilz. Einzelgespräche mit niedergelassenen Ärzten sollen dafür sorgen, dass mehr Patienten aus Stadt und Kreis ins Offenbacher Klinikum statt in ein anderes Krankenhaus eingewiesen werden. „Einige Ärzte weisen hier konsequent nicht ein“, weiß der Ärztliche Direktor, Professor Norbert Rilinger. Dem will man durch gezielte Überzeugungsarbeit entgegenwirken.

Die Verweildauer der Patienten im Offenbacher Klinikum ist indes oft zu lang. In vielen Fachabteilungen liegt sie rund einen Tag über dem Durchschnitt und sogar 1,6 Tage über möglichen Bestwerten. Zum Teil liege dies daran, dass die Anschlussversorgung nicht geklärt sei. Aus Sicht von Mecke-Bilz muss das Nachsorgemanagement zeitlich früher einsetzen.

Auch die Nutzung der OP-Kapazitäten will die Übergangschefin optimieren – vor allem durch eine neue Aufteilung unter den Fachbereichen. In einigen stehen laut Rilinger 40 bis 50 Patienten auf Wartelisten für eine Operation. Auch der OP-Betrieb soll besser organisiert werden. Dazu gehört auch Pünktlichkeit. Denn in den Abrechnungen mit den Kassen zählt jede Minute. Verspätungen gehen zu Lasten der Kostendeckung.

Gerade innerhalb der Verwaltung gibt es laut Mecke-Bilz viel zu tun. Zu lang sei die Zeitspanne zwischen Erbringung einer medizinischen Leistung und deren Abrechnung. Auch das Controlling müsste verbessert werden, damit die Fachabteilungen jederzeit den aktuellen Stand der Kosten und Erlöse einsehen könnten, um zu wissen, wo sie wirtschaftlich stehen.

Alles steht auf dem Prüfstand. Aktuell prüft man auch, ob eventuell eine Station vorübergehend geschlossen werden kann. Rilinger hält dies ohne Qualitätseinbußen für möglich. Weil anderweitig genügend Kapazitäten zur Verfügung stehen, hat die neue Leitung auch die Pläne für eine Aufnahmestation auf Eis gelegt und auf diese Weise die Neueinstellung weiterer zwölf Vollzeitkräfte vermieden.

„Was zur Patientenversorgung nötig ist, wird angeschafft, aber nichts darüber hinaus“, sagt Franziska Mecke-Bilz. Bei der Anschaffung neuer Geräte sei man in der Vergangenheit sehr großzügig verfahren. Damit soll jetzt Schluss sein. Die Pläne für ein neues Logistikzentrum in Bieber-Waldhof sind ebenfalls gestoppt. Die Geschäftsführerin hält die Bedeutung des Vorhabens für nachrangig, zumal allein die Planung rund 900.000 Euro kosten würde. Nun bleiben die Einrichtungen einstweilen im Altbau. Ohnehin würde dessen Abriss acht Millionen Euro kosten. „Die haben wir nicht“, sagt Mecke-Bilz.

Mit Verbesserungen im operativen Geschäft allein lässt sich das Klinikum nicht aus den roten Zahlen führen. Laut Klinik-Dezernent Michael Beseler beträgt der Schuldenstand aktuell rund 220 Millionen Euro. Zinsen, Tilgung und Abschreibungen schlagen jährlich mit 17,6 Millionen Euro zu Buche. Die Interimsgeschäftsführung hält eine Entschuldung des Klinikums und eine weitere Aufstockung des Eigenkapitals für unerlässlich. Beseler will mit dem Land Hessen und mit der Kommunalaufsicht weiter über mögliche Lösungen beraten. „Die Finanzen der Stadt lassen kein eigenständiges Handeln zu“, stellt er klar. Außerdem plädiert die Übergangsführung dafür, die Besitzgesellschaft von der Betriebsgesellschaft zu trennen. Auch das Einsetzen eines Sanierungstarifvertrags steht im Raum. Einen solchen gab es bereits zwischen 2004 und 2010, als die Beschäftigten auf 1,5 Prozent ihres Gehalts verzichteten. Über eine Neuauflage einer solchen Vereinbarung müsse gegebenenfalls mit Betriebsrat und Gewerkschaften verhandelt werden, so Mecke-Bilz.