Sprungmarken
Suche
Suche

Bildung und Soziales, diese beiden Ressorts sind bei der Stadt Offenbach jetzt in einem Dezernat angesiedelt. Und pünktlich zur Amtseinführung von Stadtrat Dr. Felix Schwenke im Dezernat III legt das Bildungsnetzwerk Lernen vor Ort nun einen Orientierungsrahmen für Bildungsentwicklung in Offenbach vor. Erstmals werden darin die Themen Bildung und Soziales direkt verknüpft. Eine zentrale Empfehlung lautet: Bildungsfragen müssen Teil der dezentralen Quartiersarbeit werden.

Nie zuvor wurden die Erkenntnisse der Sozialplanung in Offenbach so konkret in Bildungsmonitoring einbezogen wie in der aktuellen Analyse von Lernen vor Ort (LvO). Das Team um Projektleiterin Felicitas von Küchler möchte damit die wichtigsten Handlungsfelder für Bildungspolitik in Offenbach aufzeigen.

Dass das Thema Bildung in Offenbach zu Recht oberste Priorität genießt, wird in der 20-seitigen Broschüre einmal mehr bekräftigt. „Gute Bildungspolitik ist Voraussetzung für erfolgreiche Wirtschafts-, Integrations- und Sozialpolitik“, heißt es. Und weiter: „Unzureichende Bildung erhöht das Risiko von Arbeitslosigkeit, Armut, Gesundheitsproblemen und der Abhängigkeit von staatlichen Transferleistungen. Gute Bildungspolitik ist deshalb wesentlich für die Zukunft des Gemeinwesens.“

Und auch für die individuelle Entfaltung spielt Bildung eine entscheidende Rolle: Sie ist der wichtigste Faktor für den Zugang zum Arbeitsmarkt, schafft die Voraussetzung für gesellschaftliche Integration und demokratische Teilhabe.

Der Orientierungsrahmen für Bildungsentwicklung verdeutlicht: In einigen Quartieren im Stadtgebiet besteht akuter Handlungsbedarf, denn es treffen mehrere Faktoren zusammen: Im Lauterborn, im Mathildenviertel, in der Innenstadt und im Nordend leben überdurchschnittlich viele Langzeitarbeitslose im Hartz IV-Bezug. Überdurchschnittlich hoch ist auch die Zahl der bildungsfernen Haushalte und die Hälfte bis drei Viertel der Bewohner hat einen Migrationshintergrund.

Aus Sicht der Bildungsnetzwerker von Lernen vor Ort ergibt sich daraus ein Förderbedarf, der in der Quartiersarbeit noch nicht ausreichend verankert ist. „Bestimmte Gebiete in der Innenstadt sind armutsgefährdet“, heißt es in der Broschüre. Zwar seien Armut und Migrationshintergrund zwei unterschiedliche Faktoren. In einigen Bezirken Offenbachs seien sie jedoch deckungsgleich oder ähnlich ausgeprägt. Besonders wichtig sei in diesen Quartieren die frühkindliche Bildung in den Kitas. Auch die Schulen brauchen aus Sicht von LvO mehr Personal und Geld – insbesondere für Sprachförderung und den Ausbau des Ganztagsbetriebs. In Offenbach hat sich bestätigt, dass Sprachförderung und Ganztagsbetrieb den Bildungserfolg maßgeblich fördern. Denn beides trägt dazu bei, die Bildungsvoraussetzungen von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund oder aus bildungsfernen Familien zu verbessern, um deren Potenzial zu erschließen.

Denn Lernen vor Ort stellt kritisch fest: „Offenbach nutzt das Potenzial, das seine demografische Struktur bietet, noch nicht genügend.“ Und: „Bei den Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund liegen die größten noch nicht erschlossenen Begabungsreserven.“

Laut LvO-Studie schlagen Kinder aus Zuwandererfamilien gegenüber deutschen Kindern eine niedrigere Schullaufbahn ein. Unter den Migranten sind es vor allem Jungs, die im deutschen Bildungswesen nicht recht Fuß fassen. Diese Gruppe weist statistisch die niedrigsten Bildungsabschlüsse auf. Auch gibt es noch immer einen hohen Anteil von Schulabgängern ohne Abschluss.

Die Stadt Offenbach hat bereits ein breites Instrumentarium entwickelt, um hier sozial- und bildungspolitisch gegenzusteuern. Die LvO-Studie stellt diese Instrumente erstmals in einen Gesamtzusammenhang und ruft dazu auf, sie systematisch zu verzahnen und zu verstärken. Dazu zählt auch die Aufklärung von Eltern über das deutsche Schul- und Bildungssystem, damit sie ihre Kinder gezielter unterstützen und die richtige Schulwahl treffen können.

Unbedingt notwendig ist aus Sicht der Bildungsnetzwerker die verstärkte Kooperation zwischen Stadt und Land in der Schulentwicklung. Von kommunalem Interesse sei eine Ausweitung der Verantwortung für Schule“, so LvO. Die Studie spricht von einer „erweiterten Schulträgerschaft“. Bisher beschränke sich die Rolle der Kommune auf die äußeren Schulangelegenheiten, während das Land über die Personalausstattung und die eigentlichen Bildungsinhalte entscheide. Die Stadt Offenbach müsse gegenüber dem Land offensiver auftreten, so die LvO-Empfehlung. Sowohl bei der Zuweisung von Lehrerstellen als auch bei der Bewilligung von Mitteln für den Ganztag müsse das Land stärker als bisher die besondere Sozialstruktur Offenbachs berücksichtigen und den dadurch erhöhten Förderbedarf anerkennen.

Eine stärkere Kooperation zwischen Stadt und Staatlichem Schulamt und den Schulen solle unter anderem dazu beitragen, den Übergang von der Kita in die Schule zu ebnen. Damit auch die weiteren Übergänge in der Bildungslaufbahn gelingen, sei auch eine bessere Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe notwendig. Die Bildungsnetzwerker stellen fest, dass gerade Jugendliche mit Migrationshintergrund auch beim Übergang ins Berufsleben einer besonderen Unterstützung bedürfen. In der dualen Ausbildung seien sie gegenüber deutschen Jugendlichen unterrepräsentiert.

Der „Orientierungsrahmen für Bildungsentwicklung“ soll nun den Stadtverordneten zur Beschlussfassung vorgelegt und anschließend veröffentlicht werden. Ein detailliertes Handlungsprogramm zur Bildungsentwicklung zu entwerfen, sei Sache der politisch Verantwortlichen, so die Überzeugung des LvO-Teams. Aus deren Sicht ist aber klar: „Die gesamte Bildung im Lebenslauf ist eine Aufgabe für die Kommune.“ Und: „Der Standort kann nur über die Einbeziehung der Bildungsentwicklung gesichert werden.“