Sprungmarken
Suche
Suche

17. April 2015: Rathaus-Fenster blicken gewöhnlich auf einen Rathausplatz, der auch schon mal der Marktplatz sein kann. In Offenbach sind sie auf einen „Stadthof“ gerichtet. Und der hat sich in den vergangenen Monaten wieder einmal verjüngt. Den Offenbachern gibt die feierliche Eröffnung des neuen Stadthofs am gestrigen Donnerstagabend Gelegenheit zum Blick auf ein Kapitel ihrer Stadtgeschichte. Denn die neuen Bodenplatten bedecken, was einmal ein fürstlicher Garten war, ein Schulhof, ein Platz zur Wartung von Feuerwehrgeräten. Hier kannte sich aus, wer in der Stadt das Sagen hatte.

Seinen Namen erhielt der Platz, weil er einmal der Hof hinter einem „Stadthaus“ war. So bezeichnete die isenburgische Fürstenfamilie ihre Residenz im heute nicht mehr existierenden Haus Frankfurter Straße 31. Das hatte sie 1759 bezogen, um komfortabler wohnen zu können als in dem ungemütlichen alten Schloss am Main. In dessen Mauern durften fortan die Hofräte und Schreiber der Verwaltung frieren. Hinter dem Haus an der Frankfurter Straße aber ließen die Herrschaften einen Garten anlegen, für Blumenbeete und wohl auch für Gemüse. Aus diesem Garten wurde später unser Stadthof.

Doch Schloss und Stadthaus wurden nicht mehr benötigt, als 1816 das Fürstentum Isenburg von der politischen Landkarte verschwand. Die Fürstenfamilie residierte wieder in ihrem Stammsitz Birstein, am Rande des Vogelsberges. Der Stadt Offenbach bot das eine Chance. 1858 kaufte sie das Anwesen Frankfurter Straße 31, um darin ihre Bürgermeisterei unterzubringen. Als Sitz der Stadtverwaltung trug es fortan den Namen Stadthaus in einem veränderten Sinn.

Dabei blieb es bis 1921, als die Verwaltungsspitze in das just erworbene Büsingpalais umzog. Der Stadthof aber hatte sich da bereits verändert. An seiner Nordseite, an der heute das Rathaus steht, ragte der Schlauchturm der Feuerwehr auf. An der zur Kaiserstraße gerichteten Seite war 1873 eine Oberrealschule eröffnet worden, die Mutter der Offenbacher Gymnasien. In der Schule fanden bis 1921 auch die Stadtverordneten ihren Sitzungssaal.

Rückkehr der Stadtverwaltung an den Stadthof

Doch im Zweiten Weltkrieg kehrte die Verwaltung an den Stadthof zurück. In der Schule bezog sie ein Notquartier – das Büsingpalais und das einstige Stadthaus waren im Luftkrieg zerbombt worden. Einige Wochen danach war auch das Notquartier Schule zerschlagen. Der Oberbürgermeister bezog ein Zimmerchen im benachbarten Feuerwehrhaus. Nach dem Krieg amtierte er im Haus Kaiserstraße 18, einem ehemaligen Hospital- und Schulgebäude. Zum Bild des Stadthofs gehörte nun ein Kranz von Ruinen und unversehrt neben der Feuerwache ein Bunker für die Offenbacher Luftschutz-Leitstelle. Erst 1963 machte das Feuerwehrhaus den Platz frei für den Bau des heutigen Rathauses.

Auf dem Standort der zertrümmerten Schule hatte sich bereits 1957 die Industrie- und Handelskammer niedergelassen. Ihr Gegenüber war die 1748 geweihte evangelische Kirche mit dem passenden Namen „Stadtkirche“. Als 1971 das Rathaus hinzukam, war ein Ensemble aus Wirtschaft, Verwaltung und Altar gebildet, das sich erst auflöste, als die IHK den Standort Stadthof aufgab und an der Frankfurter Straße neben das Deutsche Ledermuseum zog.

Rathaus-Bau regt zu weiteren Investitionen an

Bis der damalige Oberbürgermeister Georg Dietrich den Bagger zum ersten Erdaushub fürs Rathaus bestieg, erlebte der Stadthof jedoch im Schatten alter Bäume einige idyllische Jahre als der wohl beliebteste Parkplatz im Zentrum der Stadt. 1971 aber schloss der Kreis sich wieder zur Einheit von Stadtkirche, Stadthof und Stadtverwaltung. Mehr noch: Mit dem Rathaus gewann der Stadthof eine Mittelpunktfunktion, die er zuvor nicht hatte. Der markante Bau, in dem sich zum ersten Mal seit den Kriegszerstörungen die Stadtverwaltung wieder konzentrieren konnte, regte zu weiteren Investitionen an. Von hier aus entwickelte sich eine neue Struktur der Innenstadt.

Mit einer bemerkenswerten Architektur nahm das „Haus der Wirtschaft“ neben dem Rathaus den Raum ein, den hauptsächlich der alte Luftschutzbunker und eine aromatisch duftende Gewürzmühle besetzt hatten. In nächster Nachbarschaft schoss der City-Tower in die Höhe. Zwischen Hugenottenplatz und Berliner Straße erhielt das ehemalige Kreishaus als „Stadthaus“ eine belebende neue Funktion.

Der Stadthof, der ursprünglich ja in der Tat ein umschlossener Hof war, hat dabei eine Öffnung nach allen Seiten erfahren. Zur Kaiserstraße hin öffnete der Platz der Deutschen Einheit einen großzügigen Zugang mit Ruhebänken. Nach Osten, über die Stadtkirche hinaus, hatte bereits die Bautätigkeit des umstrittenen Investors Karl-Heinz Reese eine kleinteilige Bebauung beseitigt und den Hugenottenplatz angeschlossen. Zu beiden Seiten des Rathauses ist der Zugang zur Berliner Straße offen. Und zur Frankfurter Straße hin hatten die Fliegerbomben zur Gestaltung eines harmonischen Übergangs in den Aliceplatz ermuntert.

Einheit mit dem Aliceplatz

Auch beim Abschnitt Aliceplatz kommen wir den Fürsten Isenburg nahe. Sie ließen ihn 1768 als „Neuer Markt“ anlegen. Eigentlich sollte er ein Rossmarkt werden, aber statt der Pferdehändler kamen Soldaten. Die fürstliche Garde nutzte ihn als Exerzier- und Paradeplatz. Durchlaucht konnte aus der warmen Stube zuschauen. Seinen heutigen Namen erhielt der Platz 1879 in Erinnerung an die im Vorjahr verstorbene hessische Großherzogin Alice, eine damals in der Bevölkerung recht beliebte Tochter der englischen Königin Victoria. Von 1933 bis 1945 trug der Platz den Namen Horst-Wessel-Platz zu Ehren eines als Märtyrer gefeierten Berliner Nationalsozialisten.

Was der Stadthof in den alten Zeiten nicht sein konnte, bot damals der Aliceplatz. Mit dem Post- und Telegrafenamt und dem Gebäude der Offenbacher Zeitung als Anliegern bildete er das Kommunikationszentrum der Stadt. Tausende strömten dort zusammen beim Kriegsausbruch von 1914 und dann wieder, als im November 1918 die Republik ausgerufen wurde. Der Platz war Nachrichtenbörse und Ort politischer Veranstaltungen.

Zwischen Rathaus und KOMM lassen sich Stadthof und Aliceplatz heute als Einheit wahrnehmen. Sie verknüpfen Einkauf und Einkehr mit Dienstleistung und Politik, die eilige Besorgung mit dem Verweilen, den Bummel mit der Hast. Es lässt den neu gestalteten Stadthof als ein urbanes Zentrum erkennen, so geöffnet in alle Richtungen, dass es Offenbachs Ruf als Stadt der kurzen Wege gerecht wird.

Hinweis: Dieser Text von Lothar Braun darf von der Presse kostenlos abgedruckt werden.