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Rumpenheimer Schloss
© Katja Lenz / Stadt Offenbach

26. August 2015: „Wer rettet das Rumpenheimer Schloß?“ so oder ähnlich betitelten am 18. März 1981 die Offenbacher Lokalzeitungen einen Hilferuf des damaligen Vorsitzenden der Bürgerinitiative Rumpenheim (BIR), Willi Heberer. Er sei das zehnjährige Hickhack um die Zukunft der Ruine leid. „Wenn‘s nicht anders geht, bauen wir selbst“. Im Januar 1965 hatte die Stadt Offenbach die Überreste des 1944 durch eine Fliegerbombe zerstörten Schlosses von der Kurhessischen Hausstiftung gekauft. Sein Mitteltrakt eine Ruine, die Seitenflügel ein Sanierungsfall. Wetter, Brände und Vandalismus setzten dem Gemäuer zu, Flohmarkthändler demontierten Treppengeländer und Kachelöfen.

Der Erwerb des Rumpenheimer Schlosses jährt sich in diesem Jahr zum fünfzigsten Mal. Heute ist das Schloss inmitten eines Parks, der an den Main grenzt, ein bevorzugtes Domizil in der Region Rhein-Main. In den restaurierten Mauern entstanden 37 Eigentumswohnungen mit fürstlichem Standard. Daran dachte freilich niemand in der Offenbacher Stadtverordnetenversammlung bei der Entscheidung für den Ankauf, die bereits 1964 fiel. Den Vertrag mit Wolfgang Prinz von Hessen konnte der damalige Stadtrechtsrat Dr. Georg Lindner aber erst Monate später im Januar 1965 unterzeichnen. Zuvor musste, so die Bedingung der Stadt Offenbach, sichergestellt sein, dass der Landesdenkmalpfleger kein Mitbestimmungsrecht bei den Planungen hat. Denn: Offenbach wollte die Ruine, deren Seitenflügel bis 1965 noch als Notunterkunft dienten, abbrechen. Die Abrissbirne soll, glaubt man den Veröffentlichungen aus jener Zeit, bereits bestellt worden sein. Die Renovierung des Gebäudes, so Dr. Lindner, sei wirtschaftlich nicht zu verantworten.

Grünes Licht für den Abbruch gab dann das sogenannte Fideikomissgericht, eine unabhängige Instanz, die über den landesherrlichen Besitz wachte. Sein Urteil, „die Ruine ist nicht erhaltenswürdig“, verwunderte in jener Zeit die Fachwelt. Die Stadt Offenbach hatte es wohl verstanden, das Geschäft mit dem Prinzen gut vorzubereiten, wie Insider vermuteten. Im folgenden Jahrzehnt ließ die Stadt Offenbach, wie der Kommentator einer Frankfurter Zeitung 1984 schrieb, ihr „nach dem Isenburger Schloß bemerkenswertestes Zeugnis schlicht verrotten“. Die Ruine sei ein Denkmal der Versäumnisse.

Dabei wurde im Rumpenheimer Schloss einst Geschichte gemacht. Hier trifft sich im 19. Jahrhundert der Hochadel, beispielsweise als 1863 der „Fürstentag in Frankfurt“ die Herrschenden vereint. Zar Nikolaus I. besucht Rumpenheim ebenso wie Bismarck, Luise von Dänemark, Queen Mary und andere Mächtige von einst. Hier werde, so munkelten die Zeitgenossen, Politik gegen Preußen betrieben, hier tragen Abgesandte aus Griechenland Prinz Wilhelm von Schleswig-Holstein Glücksburg die Krone von Hellas an. Erbaut wird der Mitteltrakt des Schlosses von Johann Georg Seiffert von Edelsheim im Jahr 1680. Mit der Übernahme des Schlosses durch die Landgrafen von Hessen-Cassel entstehen in den Jahren nach 1736 die Schlosskirche (1761) und die Seitenflügel (1787). Der Park wird erweitert und der Mitteltrakt aufgestockt. Nebengebäude wie der Marstall werden errichtet.

Pläne für eine Nutzung des Schlossgeländes gab es nach 1965 reichlich: Wohntürme, Sozialstation, Hotel, Museum oder Kongresszentrum sind nur wenige Beispiele. Aber: All diese Vorhaben hätten das Ende der historischen Schlossanlage bedeutet. Geld für die Sanierung und Restaurierung wollte und konnte die chronisch klamme Stadt nicht zur Verfügung stellen. Willi Heberer in seinem Hilfeappell 1981: „Der Bau, im Kriege zu zwanzig Prozent zerstört, verfällt allmählich zur Hundertprozent-Ruine.“ Heberer kämpfte mit seiner im Jahr 1973 gegründeten Bürgerinitiative für den Wiederaufbau des Schlosses und für seine großzügige öffentliche Nutzung. „Sein Einsatz“, so Oberbürgermeister Horst Schneider, „hat sich gelohnt. Das Schloss Rumpenheim ist ein Schmuckstück. Wer mit der Fähre hier von Bischofsheim nach Rumpenheim übersetzt, erlebt eine der schönsten Seiten von Offenbach. Die Bürgerinitiative der Rumpenheimer ist ein positives Beispiel für Bürgerengagement, auch wenn ihre Ziele anfangs meinen Vorgängern nicht geschmeckt haben mögen. Bürgerwille hat mit Geduld und Ausdauer viel erreicht.“

Im Jahr 1984 kam die Wende, zunächst aber nur für die Seitentrakte einschließlich des Marstallflügels. Die Warteliste war lang. Mit neunzehn Interessenten unterzeichnete die Stadt Offenbach einen Erbpachtvertrag auf 99 Jahre. Die anfangs zögerlichen Banken gaben grünes Licht und die Bürgerinitiative räumte auf den 1.500 Quadratmetern in 900 unbezahlten Arbeitsstunden 200 Kubikmeter Schutt aus der Ruine in 26 Container, die dann 46 Tonnen wogen. Hinter all den Trümmern fanden die Aktiven noch manchen Schatz wie alte Tapeten auf alten Zeitungen oder Reste eines Kachelofens aus Meißner Porzellan. Anfang November 1986 bezog die erste neue Eigentümerin ihre Wohnung in einem der Seitentrakte.

Den ersten Spatenstich im Jahr 2000 zum Wiederaufbau des Mitteltraktes zu erleben, war dem Gründer der Bürgerinitiative Rumpenheim, Willi Heberer, nicht mehr vergönnt. Im Jahr 1997 kam er beim Absturz seines Segelflugzeuges ums Leben.

Ein Tübinger Investor errichtete 18 Wohnungen, „die“, so der damalige Oberbürgermeister Gerhard Grandke beim Spatenstich im Jahr 2000, „einen Teil der historischen Wurzeln Offenbachs wieder sichtbar machen“. 2000 Quadratmeter umfasste die Wohnfläche. Die historische Gestalt des Haupttraktes sollte, so der Offenbacher Denkmalpfleger Helmut Reinhardt in der FAZ, so rekonstruiert werden wie er sich 1860 dargestellt habe. Maßstab sei die spätklassizistische Phase des hufeisenförmig entwickelten Schlosses. Einziger Wermutstropfen: Um eine teilweise öffentliche Nutzung des Gebäude zu finanzieren, reichte der Etat der Stadt nicht.

Auch wenn der Tübinger Investor in Zahlungsschwierigkeiten geriet, zur Jahreswende 2003 konnten die ersten Käufer ihre neuen Wohnungen mit den markanten Sprossenfenstern beziehen. Sogar das neun Meter hohe Uhrtürmchen wurde rekonstruiert. Die Fassade erstrahlt wie einst in hellem Weiß.

„Auch die Rekonstruktion des Rumpenheimer Schlossparks ist“, so Oberbürgermeister Horst Schneider, „letztlich dem Engagement der Bürgerinitiative zu verdanken, die mit Hartnäckigkeit und Sachkunde die Stadt immer wieder an ihr historisches Erbe erinnerte. Auch wenn noch nicht alle ihre Wünsche finanzierbar sind, der Park ist heute längst ein beliebtes Ausflugsziel für die Region.“ Der Park bündelt viele Aktivitäten wie die Orgelnachmittage der Schlosskirchengemeinde, die Veranstaltungen der RUK im Mausoleum oder die Flanierkonzerte der Initiative „Musik im Park“. „Die fünfzig Jahre seit dem Ankauf des Schlosses durch die Stadt waren nicht immer widerspruchsfrei“, so der Oberbürgermeister abschließend, „aber wie so oft in Offenbach: am Ende kann sich das Ergebnis sehen lassen. Dafür gilt vor allem mein Dank der Bürgerinitiative Rumpenheim.“