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Offenbach am Main, 26. September 2019 – Vertreterinnen und Vertreter der Kommission für Umweltschutz und des Naturschutzbeirates informierte das Amt für Umwelt, Energie und Klimaschutz gemeinsam mit Umweltdezernent Paul-Gerhard Weiß bei einer gemeinsamen rund anderthalb Stunden dauernden Begehung rund um den Schultheisweiher. Der Vorsitzende des Angelverbandes war ebenso eingeladen und auch Anwohner nutzten die Gelegenheit.

Die Wasserqualität des Gewässers hat sich seit 2017 extrem verschlechtert. Dafür gibt es verschiedene Ursachen, neben Krebsen und Blaualgen sind vor allem lange Trockenperioden und starke Sonneneinstrahlung schlecht für den flachen See. Zuletzt sank der Wasserpegel um rund 80 Zentimeter – im Durchschnitt ist der See ohnehin nur 2,50 Meter tief. Damit konnte sich Phosphat noch stärker konzentrieren und der Sauerstoffgehalt nahm ab, so dass es zum Fischsterben kam.

Phosphat aus dem Grundwasser

„Der hohe und in den letzten Jahren stark gestiegene Eintrag von Phosphat aus dem Gewässer-Umfeld und die seeinterne Anreicherung durch eine – im Verhältnis zur Wasserfläche viel zu große Zahl an Wasservögeln – verursacht, dass sich das Gewässer nicht alleine stabil halten kann. Wir müssen daher eingreifen, weil die Stadt Offenbach rechtlich zum Erhalt des Ökosystems im Naturschutzgebiet verpflichtet ist“, macht Stadtrat Paul-Gerhard Weiß deutlich.

Sergej Justus, Fachreferent in der Unteren Wasserbehörde, erläuterte den rund 35 Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Rahmenbedingungen des Gewässers und den aktuellen Zustand an verschiedenen Stationen. Immer weniger Wasser in Kombination mit einer hohen Produktion von Biomasse in Form von Blaualgen sowie fehlender Sauerstoffproduktion durch Wasserpflanzen, die unter den Blaualgen nicht wachsen können, führt zwangsläufig zu einem trüben See ohne Sauerstoff und damit zum Fischsterben. „Dazu kommen extrem hohe Wassertemperaturen mit dem Spitzenwert von 31,8 Grad Celsius in diesem Jahr. Sinken dagegen die Temperaturen schnell um mehr als 8 Grad Celsius, sterben die Blaualgen ab – verzehren dabei jedoch den letzten Sauerstoff im Gewässer und damit die Lebensgrundlage für Muscheln, Fische und andere Wasserorganismen“, erläuterte Justus.

Er hat auch erforscht, woher das Phosphat kommt, das dem Schultheisweiher zu schaffen macht: „Der Eintrag erfolgt über vier Pfade: Luft, Wasservögel, Grundwasser und Sediment. Mit 3 Kilogramm Phosphat pro Jahr kommt die geringste Belastung aus der Luft. Nach überschlägiger Berechnung liegt der Eintrag aus dem Sediment zwischen 5 und 30 Kilogramm pro Jahr und aus dem Grundwasser bei 15 Kilogramm pro Jahr. Der Eintrag durch Wasservögel wird auf rund 20 Kilogramm pro Jahr geschätzt.“ Dabei verschieben Blaualgen im sauerstoffarmen Wasser auch noch den PH-Wert, so dass am Boden des Gewässers mit Eisen gebundenes Phosphat wieder freigesetzt wird – und weitere Blaualgen ernährt.

Anlage zur Phosphatentnahme

Um aus dieser Abwärtsspirale herauszukommen, hat das Amt für Umwelt, Energie und Klimaschutz über 20 verschiedene Therapien für das Gewässer untersucht. Als erfolgversprechende und zugleich wirtschaftlichste Maßnahme zeigte sich die Installation einer Anlage zur Phosphatentnahme. „Dabei wird das Tiefenwasser entnommen und außerhalb des Wasserkörpers mit Fällungsmittel versetzt. Die gebildeten Flocken (Phosphatverbindungen) werden durch Sauerstoffzufuhr getrennt und separiert, sodass als Rückfallprodukt Klärschlamm anfällt. Das gereinigte und mit Sauerstoff angereicherte Wasser wird zurück in den See geführt, was zu einer indirekten Zirkulation im See führt. Die sauerstofffreien Bereiche reduzieren sich und die Phosphatkonzentrationen gehen zurück, da diese dauerhaft aus dem Nährstoffkreislauf entnommen werden“, erläuterte Justus. Das Verfahren wird seit 35 Jahren erfolgreich und nachhaltig angewendet. Für rund 60.000 Euro wird jetzt dafür die Projektplanung beauftragt. Die Investitionskosten der Anlage werden auf rund 600.000 Euro geschätzt“, sagt Umweltamtsleiterin Heike Hollerbach.

Paul-Gerhard Weiß ist zuversichtlich: „Stellen wir das ökologische Gleichgewicht im Weiher wieder her, nimmt auch die Sichttiefe wieder zu. Die Fische haben bessere Jagdbedingungen, auch im Kampf gegen drei invasive Krebsarten. Wasserpflanzen kommen zurück, um den See zu beschatten, die Blaualgen werden in der Entwicklung gehemmt und der See wird reichlich Sauerstoff produzieren“.

Während der Begehung wurden auch viele Fragen beantwortet. Zum Beispiel nach dem Fällungsmittel – hier ist im Naturschutzgebiet der Einsatz von Eisensulfat wahrscheinlich in Abstimmung mit dem Regierungspräsidium Darmstadt. Hat das Sulfat eine negative Wirkung auf das Ökosystem? Die Antwort ist zunächst einfach: Nein. Die Erläuterung dagegen ist Wissenschaft: Im sauerstoffhaltigen Grundwasser findet eine Pyritoxidation durch Reaktion mit Sauerstoff statt. In sauerstoffarmen Milieu erfolgt die Oxidation durch Abbau von Nitrat. Nur bei sauerstofffreien Verhältnissen findet eine Bildung zu Schwefelwasserstoff statt.

Die Ökowiese ist neben einem Standort an der Aussichtsplattform die zweite Option für die Anlage zur Phosphat-Elimination. Denn die Anlage benötigt Strom und eine Zufahrt zum See, um den Klärschlamm aus dem See abzutransportieren. Geprüft wird auch eine Stromversorgung über Solarmodule. Die Anlage wird in einem schallgedämmten Container eingebaut. Dieser kann entsprechend farblich ausgestattet oder begrünt werden. „Auch der Badebetrieb wird nicht eingeschränkt. Weder für die Badenden, noch für die Fische besteht eine Gefahr“, so Hollerbach.

Die Anglervereinigung begrüßt die Anlage am Schultheisweiher und hätte sich diese sogar früher gewünscht. Die Angler wollten auch wissen, ob neue Fische in das Gewässer kommen. Das kann erst geschehen, wenn die Wasserqualität gut und stabil ist. „Dann werden nach dem Leitbild typische Fischarten in Abstimmung und mit Unterstützung der Angelsportvereinigung eingesetzt“, so Hollerbach.

Wie schnell das Gewässer von der Reinigung profitiert hängt wesentlich von der Größe der Anlage ab – je größer desto teurer und dann steigen auch die Entsorgungskosten. „Wir prüfen, wie groß die Anlage wirklich sein muss und was bezahlbar ist.“ Unter der Berücksichtigung der Nährstoffkonzentration im Gewässer und der Eintragspfade, der Wassererneuerungszeit und der Entsorgungskosten wird ein Optimum ermittelt und den Stadtverordneten, unter der Darstellung weiterer Reinigungs- und Entwicklungsszenarien, vorgelegt. Die Fachbehörde schätzt die Einstellung des Gleichgewichts nach fünf Betriebsjahren ein.

Bei der Begehung gezeigt wurden auch die Messstellen für das Grundwasser, das den einzigen Zu- und Abfluss für den Schultheisweiher darstellt. 100.000 Kubikmeter streben dem See pro Jahr zu. Innerhalb von drei Jahren ist das Wasser ausgetauscht. Mit Blick über den Weiher wird auf einer Grafik erläutert, wie unter der Erde das Grundwasser in bestimmte Richtungen fließt. Damit entgeht ein kleiner See zwischen Main und Schultheisweiher dem Phosphat-Eintrag durch das Grundwasser, weil es überwiegend vorbeifließt. Messungen im Grundwasser zeigen seit Jahren extrem hohe Werte. Auf den städtischen Grundstücken soll deshalb umgestellt werden auf extensive Landwirtschaft. Die Stadt nimmt auch Gespräche auf mit dem Regionalverband und dem Land Hessen, die hier ebenfalls über Flächen verfügen. Auch der Ankauf privater Flächen ist eine Möglichkeit.

Aus der Gruppe wurde gefragt, wann mit Verbesserungen zu rechnen sei. Die Effekte werden sich erst in einigen Jahrzehnten zeigen. „Dennoch möchten wir das Gewässer auch für die zukünftigen Generationen sichern und halten deshalb die Maßnahmen im Einzugsgebiet für unumgänglich. Mit den Landwirten sind wir im Gespräch.“ Die Bewirtschaftung unterliegt dem Agrarumweltprogramm des Landes, eine Umstellung der Bewirtschaftung und Verzicht auf Düngung wird weiterhin angestrebt. „Aber selbst wenn heute sofort aufgehört wird, dauert der Eintrag in das Gewässer über den Boden noch lang – das kann bis zu bis zu 30 Jahren gehen“, so Hollerbach.

Ausnahmsweise durfte bei der Begehung auch eine Wiese gegenüber der Aussichtsplattform besichtigt werden, die sonst im abgesperrten Naturschutzbereich liegt. Den Einfluss der Wasservögel auf das Gewässer dokumentierte das Umweltamt direkt im Naturschutzreservat: In Ufernähe sind Bäume und über das Gewässer hängende Äste schneeweiß vom Vogelkot, denn hier schlafen die Kormorane in dem Teil des Weihers, der von der Kaimauer nicht einsehbar ist.

Zahlen und Fakten

Wasserfläche 100.000 Quadratmeter

Größe des Naturschutzgebietes 270.000 Quadratmeter

Maximale Tiefe 3,8 Meter

Durchschnittstiefe 2,5 Meter


Weitere Informationen

Video:
https://www.offenbach.de/leben-in-of/umwelt-klimaschutz/Wasser___Boden/Schultheis-Weiher/schultheis-weiher---unwillkommene-gaeste-und-duenger-vom-acker.php

Grafik zum Phosphat-Eintrag:
https://www.offenbach.de/medien/img/of/bilder_energie_umwelt/bilder_umweltamt/wasser_und_boden/phosphateintrag-in-kilo-pro-jahr.png

Übersicht Wasseruntersuchungen:
https://www.offenbach.de/medien/bindata/of/Umwelt_Klima/Uebersicht_Gewaesseruntersuchungen_Schultheis-Weiher_2008-2018.pdf

Zeitleiste der Maßnahmen als PDF (Anlage)

Bildinformation:

Stadtrat Paul-Gerhard Weiß erläutert die Situation am Schultheisweiher gemeinsam mit Sergej Justus und Heike Hollerbach vom Umweltamt.

Vor der Kaimauer ist ein wolkiger Teppich aus Blaualgen zu sehen.

Rund 35 Menschen ließen sich über die aktuellen Werte des Schultheisweiher und die Phosphat-Eliminationsanlage informieren.

Alexander Jeschke, Bereichsleiter Wasser und Boden, und Sergej Justus, Untere Wasserbehörde, zeigen gemeinsam mit Umweltamtsleiterin Heike Hollerbach, woher das Phosphat im Schultheisweiher kommt.

Fotos: Stadt Offenbach/georg-foto.de