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Im vergangenen Herbst legte das Hessische Wirtschafts- und Verkehrsministerium fünf Lärmpausenmodelle zur Entlastung der Anrainerkommunen des Frankfurter Flughafens vor. In ihrer Sitzung am heutigen Mittwoch hat die Kommission zur Abwehr des Fluglärms („Fluglärmkommission“) beschlossen, einen Probebetrieb der Variante 4 bei Westbetrieb mitzutragen. Offenbach wird bei diesem Modell unter dem Strich entlastet.

An mehr als 70 Prozent der Tage im Jahr herrscht Westwetterlage: Dann leidet Offenbachs Bevölkerung unter den einfliegenden Maschinen besonders. Die Stadt liegt unter allen drei Einflugschneisen des Frankfurter Flughafens und kämpft seit mehr als 15 Jahren für einen wirksamen aktiven Schallschutz. „Nach wie vor fordern wir ein Nachtflugverbot von 22 bis 6 Uhr, das alle Kommunen rund um den Flughafen entlasten würde“, betont Bürgermeister und Flughafendezernent Peter Schneider. „Aber wir erkennen auch an, dass sich das Hessische Wirtschaftsministerium mit dem vorgelegten Lärmpausenmodell erstmals bemüht, der von Fluglärm betroffenen Bevölkerung zumindest zeitweise mehr Ruhe zu verschaffen.“ Ein Lärmpausenmodell könne den Lärm allerdings nur verteilen, es senke ihn nicht. „Aus meiner Sicht muss jedoch alles getan werden, was tatsächliche Entlastung bringt.“

Eine wichtige Stunde mehr Ruhe für zahlreiche Offenbacher verspricht das Lärmpausenmodell 4 – eines von insgesamt fünf Modellen, die der Hessische Wirtschaftsminister im vergangenen September vorgelegt hatte. Auch wenn die Fluglärmkommission (FLK) grundsätzliche Zweifel an allen Modellen äußert und einen sogenannten Neutralbeschluss gefasst hat, sprach sie sich am Mittwoch dafür aus, eine Erprobung des Modells 4 bei Westbetrieb mitzutragen. Es sieht vor, dass abends zwischen 22 und 23 Uhr keine Landeanflüge auf die Center- und die Nordwestbahn erfolgen. Im Gegenzug soll morgens zwischen 5 und 6 Uhr unter der Anflugbahn zur Südbahn Ruhe herrschen.

Eine Prüfung der von der FLK und dem Forum Flughafen und Region (FFR) gemeinsam eingerichteten AG Lärmpausen habe gezeigt, dass sich bei diesem Modell rechnerisch eine Situation ergibt, bei der die Anzahl derjenigen, die eine Lärmpause erhalten, deutlich größer ist als die Anzahl der Betroffenen, deren Lärmpausenzeiten eingeschränkt werden, heißt es in dem Beschluss. Allerdings gelte dies nur für die Betriebsrichtung West, also bei Anflügen aus Osten. Im sogenannten Ostbetrieb, also bei Abflügen in Richtung Osten über das Offenbacher Stadtgebiet, gibt es diese rechnerischen Vorteile in der Modellvariante 4 laut FLK nicht.

Die Entscheidung der FLK trägt Bürgermeister Schneider als die beste Option für Offenbach mit. Er hat die Stadtverordnetenfraktionen in einer Ausschusssitzung am 19. Januar 2015 bereits entsprechend informiert: „Ungeachtet der Frage, wie die Lärmpausenmodelle technisch und operativ umzusetzen sind, stellt die Variante 4 bei Westbetrieb in Summe die größte Entlastung für die Offenbacher Bürgerinnen und Bürger dar.“ In der Summenbetrachtung werden, so Schneider, unter dem Strich zirka 22.000 bis 24.000 Einwohner eine echte Entlastung erfahren. Allerdings habe auch dieses Modell Gewinner und Verlierer, sowohl in der Region als auch in Offenbach selbst. Eine von der Stadt erstellte Grafik (siehe pdf im Anhang) macht die Verschiebungen von Be- und Entlastung in Offenbach durch Modell 4 deutlich. Durch eine ausschließliche Nutzung der Südbahn für Landungen zwischen 22 und 23 Uhr haben vor allem die unter der Einflugschneise für die Nordwestbahn wohnenden 45.000 Offenbacherinnen und Offenbacher mehr Ruhe (blau markierter Bereich) sowie rund 16.400 Menschen, die nördlich der Einflugschneise für die Centerbahn leben. Als Ausgleich für die Belastung am Abend erhalten die rund 13.800 betroffenen Bewohner in den südlichen Stadtteilen (roter Bereich) morgens eine Stunde lang weniger Lärm. Dann werden ausschließlich die Center- und die Nordwestbahn angeflogen.

„Das entspricht für den Offenbacher Süden abends wieder jener Belastung, die er vor dem Bau der Nordwestbahn zu tragen hatte“, sagt Schneider. „Unter dem Landeanflug auf die Nordwestbahn leiden aber deutlich mehr Bürgerinnen und Bürger. Deshalb hat die Stadtverordnetenversammlung sich ja auch immer wieder vehement gegen den Bau der Nordwestbahn ausgesprochen.“ Durch die Inbetriebnahme der Nordwestbahn sei die Anzahl der Betroffenen in Offenbach deutlich angestiegen. Aus diesem Grunde sei es durchaus ein Gewinn für Offenbach, wenn Anflüge auf diese Bahn künftig nachts eine Stunde früher aufhören. „Um auch den Offenbacher Süden stärker zu entlasten, fordern wir, den sogenannten Segmented Approach – nicht nur, aber auch für das Lärmpausenmodell 4 - ernsthaft zu prüfen und umzusetzen. Das ist gerade dann sehr wichtig, wenn mehr auf die Center- und Südbahn geflogen wird.“

Flugspuren über dem Rumpenheimer Schloss
© georg-foto.de, offenbach

Darüber hinaus, so der Bürgermeister, gelte weiterhin uneingeschränkt der Zehn-Punkte-Katalog, in dem die Stadt Offenbach mit Beschluss der Stadtverordnetenversammlung ihre Forderungen bündelt:

  1. Deutliche Reduzierung der Fluglärmbelastung in Offenbach durch eine Lärmobergrenze und die Deckelung der Anzahl von Flugbewegungen
  2. Erstellung einer Luftverkehrsprognose unter Berücksichtigung der aktuellen nationalen, europäischen und internationalen Entwicklungen
  3. Deutliche Reduzierung der Fluglärmbelastung in Offenbach durch eine Lärmobergrenze und die Deckelung der Anzahl von Flugbewegungen
  4. Nachtflugverbot in der gesetzlichen Nacht von 22 bis 6 Uhr
  5. Schrittweise Reduzierung der Rückenwindkomponente
  6. Dauerhafter finanzieller Ausgleich für alle lärmbelasteten Kommunen
  7. Erhöhung des Anflugwinkels auf 3,5 Grad
  8. Landeschwellen auf der Südbahn um 1.500 m bahneinwärts versetzen 
  9. Regelmäßige Nutzung des segmentierten Anflugverfahrens
  10. Vorgeschaltete, ergebnisoffene Bürgerbeteiligung

"Die Stadt Offenbach wird auch in Zukunft diese Forderungen hartnäckig vertreten, sowohl politisch als auch in den laufenden rechtlichen Auseinandersetzungen. Wir lassen uns davon nicht abbringen.“ Die Lärmpausenvariante 4 soll nun ab April 2015 erprobt werden. „Wenn die von allen Experten vorausberechnete Entlastungswirkung für im Saldo 22.000 bis 24.000 Offenbacherinnen und Offenbacher eintritt, werden wir auf eine dauerhafte Regelung hinwirken“, sagt Schneider abschließend.

19. Februar 2015