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Tunneltaufe: Sektflasche zerschellt am Bohrkopf
Mit Bohrkopf Melanie soll beim Tunnelbau nicht mehr schiefgehen: Melanie Gessner, Leiterin der Abteilung Entwässerung beim Stadtservice der Stadtwerke Offenbach, erfüllt souverän ihre Pflicht als Tunnelpatin. © Monika Müller
Wer unterhalb der Mainlinie wenige Meter vom Flussbett entfernt einen Tunnel baut, dem kann ein bisschen auf Aberglauben basierender Beistand nicht schaden. Und so hat der Tunnel, der jetzt in Offenbach für den Kanal zum Mainauslass gebohrt wird, in guter bergmännischer Tradition einen Namen erhalten. Damit soll das gesamte Projekt einen guten Verlauf nehmen. Da es den Tunnel noch nicht gibt, wurde in der riesigen Baugrube auf dem ehemaligen Clariant-Parkplatz an der Mainstraße stellvertretend dem mächtigen Bohrkopf die Sektflasche an die Außenhülle gedonnert.

Tunnelpatin war Melanie Gessner, Leiterin der Abteilung Entwässerung beim Stadtservice der Stadtwerke Offenbach. Sie gibt die Arbeiten in Auftrag, finanziert werden sie über den Eigenbetrieb der Stadt Offenbach.  Ausgeführt werden sie von der Firma Sonntag Baugesellschaft, die als Gastgeberin zur Namensverleihung, wegen Corona unter Ausschluss der Öffentlichkeit, eingeladen hatte.

Mit dabei war Bürgermeister Peter Freier als zuständiger Dezernent. „Der Stadtservice und hier gerade das Team der Entwässerung unter der Leitung von Melanie Gessner ist sehr gut aufgestellt und zeigt mit dem großen Projekt Mainauslass erneut, mit welcher Kompetenz und Professionalität auch hochkomplexe Aufgaben angegangen und erfolgreich wahrgenommen werden.“

Auch Peter Walther, Geschäftsführer der Stadtwerke Offenbach, kam zu dem außergewöhnlichen Ereignis: „Die Arbeit der Stadtwerke ist für die Bürgerinnen und Bürger oft nicht sichtbar, obwohl der Mainauslass aktuell eines unserer größten Projekte ist. Deshalb ist es gut, dass die Firma Sonntag den Auftakt der Bauarbeiten mit einem solchen Ereignis würdigt.“

Namensvetterin Melanie Gessner lässt Sektflasche zerschellen

Der Bohrkopf ist ein Koloss mit gut 2,40 Meter Durchmesser, knapp fünf Metern Länge und rund 35 Tonnen Gewicht. Er wurde am Mittwoch mit einem Kran in die rund acht Meter tiefe Baugrube gehievt. Von dort aus wühlt er sich in den nächsten Wochen mit dem Namenszug „Melanie“ und dem Logo der Stadtwerke Offenbach durch den Untergrund.  Tunnelpatin Gessner hatte sich erst etwas gesträubt und gerne auch einem anderen Namensgeber den Vortritt gelassen. Aber da hatte Bauleiter Maximilian Vogt streng interveniert: Die Tradition verlange eine Namenspatin. Und es dürfe auch keine aus der Historie Offenbachs sein, denn sie müsse tatsächlich selbst den Namen geben. Überzeugt hatte Gessner dann schließlich der Ursprung ihres eigenen Vornamens: „Melanie war der Beiname der griechischen Erdgöttin Demeter – das passt ja tatsächlich ganz gut“, befand sie. 

Bei aller Tradition erinnerte Gessner aber auch noch vor der Namensgebung daran, wofür der Tunnel in der wachsenden Stadt Offenbach künftig gebraucht wird: „Hier am Main wird einer der letzten Abschnitte des großen Sammelkanals Bieber Nord gebaut, der seit 18 Jahren durch halb Offenbach auf einer Länge von 5,7 Kilometern neu verlegt wird. Auf Höhe der Baugrube unten am Main entsteht parallel ein Auslassbauwerk, durch das dann bei starkem Regen das Wasser direkt in den Fluss abläuft. Damit wird verhindert, dass es beispielsweise in den Straßen hochdrückt.“ Mit dem Bergmannsgruß „Glückauf“, zerschmetterte sie dann souverän die Flasche am Bohrkopf, der künftig in ihrem Namen die Tunnel für die Kanalrohre mit mehr als zwei Metern Durchmesser freilegt.

Bauarbeiter legen Wert auf Traditionen

Nicht jeder Tunnel, den das Unternehmen Sonntag in den Boden gräbt, erhält einen Namen, erzählt Bauleiter Vogt. „Das hängt vor allem auch vom Auftraggeber ab – wer eine Pipeline durch unbewohntes Gebiet baut, hat daran eher weniger Interesse.  Aber im innerstädtischen Bereich wie hier machen wir so etwas häufiger, um bei den Bürgern Verständnis für das Projekt zu wecken.“ Und auch die Bauarbeiter selbst legten Wert darauf, solche Traditionen fortzuführen.  So sei eine Figur der Heiligen Barbara, Schutzheilige des Bergbaus, bei jedem Tunnelbau dabei.  „Man weiß ja nie, was einen unter der Erde alles erwartet.“

Im Offenbacher Boden kann man zumindest dank umfangreicher Voruntersuchungen davon ausgehen, dass es auf der kürzeren Strecke von der Baugrube unter der Mainstraße und dem Maindamm hindurch und dem längeren Abschnitt bis hin zum Anschluss an den neuen Kanal in der Kettelerstraße keine unangenehmen Überraschungen gibt. An Bohrkopf Melanie jedenfalls kann es nach Erfüllung der Tradition nicht liegen.

05. Juni 2021